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from 196 Tage auf treibender Eisscholle by Emil Bessels — automated transcript, may contain recognition errors.

Abschnitt 1 von 196 Tage auf treibender Eisscholle von Emil Bessels. Diese LibriVox Aufnahme ist in der Public Domain, aufgenommen von Abayi im August 2016. Während Anfang Mai 1873 im Polaris Hause die Vorbereitungen unserer Heimkehr ihrem Ende entgegengingen, durchlief alle zivilisierten Lande die Nachricht, dass eine kleine Schar schiefbrüchiger, in Lumpen gehüllt und dem Hungertode nahe, die Hauptstadt Neufundlands erreicht hätte. Diese unglücklichen waren die neun Zehn, welche in jener verhängnisvollen Oktobernacht, als die Polaris an der Ostküste des Smithsundes in Trümmer ging, von uns getrennt wurden.

Unter den Schrecken und Qualen eines dantischen Höllenringes verlebten sie Wochen und Monate auf gebrechlichen Eisschollen treibend, von der Finsternis einer arktischen Nacht umfangen, mit dem dreifachen Tode ringend, dem Erfrieren, Verhungern und Ertrinken preisgegeben. Der Sieg musste teuer erkauft werden und endlos erschien die Zeit, bis er endlich erkämpft war. Schlimmer als an Bord des Fraks sah es in jener Nacht, als die Katastrophe hereinbrach, auf dem Eise aus. Auf einem sinkenden Schiffe wurden wir von dem entfesselten Sturme über die hochgehenden Wellen gejagt.

Von Minute zu Minute mehrte sich der Wasserschwall, der unaufhaltsam sich durch das große Leck ergoß. Allein wir besaßen wenigstens Licht und konnten die armseligen Mittel in Anwendung bringen, die Rettung zu verheißen schienen. Doch die anderen, welche auf dem trügerischen Eiseschutz gesucht hatten, umhüllte tiefes Dunkel. Dichte Schneeschleier, von dem wütenden Orkane aufgewirbelt, umwogten sie in wildem, stürmischem Reigen. Kaum ihm stande, die Augen zu öffnen oder Atem zu holen, durften sie weder vorwärts noch rückwärts schreiten,

auf der krachenden Scholle, die bald hinabgeschleudert wurde in die Tiefe eines Wellentales, bald von Wogen kam zu Wogen kam geworfen, umtost und umbrandet von dem empörten Meere. Allmählich legte sich der Wind, das Schneetreiben ließ nach, und das Licht des Mondes beleuchtete vorübergehend die Szene der Verheerung. Erst jetzt ließ die Scholle sich überblicken.

Das Bruchstück war nahezu rund und mochte im Umfang etwa vier Seemeilen messen. Direkt am Wasser lagen, in Fälle gehüllt, die schreienden Kinder, daneben kauerten jammend die Mütter, vor Verzweiflung die Hände ringend. Hier und dort zerstreut zeigten sich andere Gruppen. Auf einem abgelösten Eisstück, kaum groß genug darauf Fuß zu fassen,

standen mehrere dunkle Gestalten, welche zu den anderen Fleeten ihnen Hilfe zu leisten. Noch waren die Boote unversehrt. Tyson machte den kleinen Fahkarn flott. Als er eben abstoßen wollte, schlug eine hohe Sturzwelle über ihm zusammen. Der Nachen füllte sich und sank.

Dem Ruderab blieb kaum Zeit, auf die Scholle zurückzuspringen. Erfolgreicher war der Versuch mit einem der großen Wahlboote, welches den Koch sowie zwei Matrosen erlöste und zu den Übrigen brachte. Als dann wurden die beiden Schaluppen nach der Mitte der Scholle gezogen, wo selbst die Leute sich niederlegten.

Doch niemand vermochte zu schlafen. Als am 16. Oktober der trübe Tag zu Dämmern begann, erstiegen sie einen der zahlreichen Eishöcker, mit welchen die Scholle besetzt war. Nach allen Himmelsgegenden schweiften die suchenden Augen. Allein von dem Fahrzeuge war nirgends eine Spur zu erblicken.

Verschwunden war die Nothütte, verschwunden die Kisten, Fässer und Ballen, welche den Provianten hielten. Nur etwas Pemikern, getrocknetes, in Streifen geschnittenes und mit Maismehl bestreutes Fleisch und Zwieback backt die Scholle und 19 hungrige Menschen, die verfrost zitterten.

Nach dem Ufer zogen sich einige Wasserstraßen. Diese zu erreichen, musste als die erste Aufgabe gelten. Die Position der Scholle war noch unbekannt. Nachdem die Leute etwas Nahrung zu sich genommen hatten, schleppten sie die Boote nach der Richtung, wo das offene Wasser sich zeigte.

Nur mit Mühe und großem Zeitaufwand konnten sie kurze Strecken zurücklegen. Als sie das Fahrwasser erreichten, war es neun Uhr geworden. Sie waren kaum eine Meile gefahren, als das Eis sich schloss. Die Boote mussten auf eine sichere Stelle gezogen werden, um sie vor den Pressungen zu schützen.

Ein so rasches Ende der Fahrt hatte niemand erwartet. Statt besser zu werden, hatte die Lage sich verschlimmert. Man konnte nun weder das Ufer erreichen, noch zu der Scholle zurückkehren, die man vor einigen Stunden verlassen hatte. Mit der Strömung trieben hohe Eisberge.

Durch das wilde Schieben und Drängen wurde die Scholle gehoben, auf welcher die 19 lagerten. Und als sie schwer zurücksank, wichen die sie umgebenden Trümmer. Noch eine kleine Schwankung und sie bewegte sich kreisend dem Lande zu. Hinter einem Vorsprung der Küste zeigte sich plötzlich das Schiff.

Um dessen Aufmerksamkeit zu erregen, hissten sie die Flagge und eine schwarze Gummidecke. Ein leichter Nordwind entfaltete beide Signale. Aber an Bord schienen diese niemand zu beachten. Richtig verfolgte das Schiff den eingeschlagenen Kurs.

Dem schwarzen Schlote entquollen dichte Rauchwolken. Es wurden Segel gesetzt. Das Fahrzeug wendete bald nach rechts, bald nach links und verschwand darauf ebenso plötzlich, wie es erschienen war. Einige der Matrosen machten nun den Versuch, nach ihrer alten Scholle zurückzukehren.

Unterwegs gewahrten sie das Schiff, welches mit gereften Segeln scheinbar festgemacht hinter einer Insel lag, welche eine für Northumberland, die anderen für Littleton hielten. In ihrem Unwillen glaubten sie, das Fahrzeug wollte ihnen nicht zu Hilfe kommen und fingen an zu Murren und Verwünschungen auszustoßen.

Hätten sie ahnen können, wie ängstlich wir nach ihnen ausschauten, ohne ihre Spur zu entdecken, so würden sie sicher einen zweiten Versuch gemacht haben, um unsere Aufmerksamkeit durch Flaggen oder andere Signale zu erregen. Allein ihre Unzufriedenheit ließ solche Gedanken nicht Raum finden, da sie Rauchwolken bemerkt hatten, musste ihrer Ansicht nach das Schiff noch seetüchtig sein.

In Wirklichkeit aber war dasselbe ein hilfloses Frack, dessen Besatzung nur mit knapper Not dem Verderben entronnen war. Die Scholle, auf welcher die 19 sich befanden, hatte, zwischen unbeweglichen Eistrümmen festgehalten, ihre Lage kaum geändert. Nun begann sie wieder zu treiben.

Wollte man noch einen Versuch machen, das Fahrzeug zu erreichen, so musste dies ohne Aufschub geschehen. Einige Wasserstraßen, die sich nach Norden zogen, schienen Erfolg zu verheißen, allein, ehe man ihnen nahe kam, waren sie wieder geschlossen. Im Laufe des Nachmittags erfolgten noch mehrere nutzlose Versuche,

wobei einige der Leute ins Wasser gerieten. Ermüdet, kalt und hungrig legten sie sich, als der kurze Tag zu Ende ging, auf der höchsten Stelle ihrer Scholle nieder. Es begann heftig zu wehen, und zu dem Wind gesellte sich ein starker Schneefall. Die See war in wildem Aufruhr, und die Finsternis undurchdringlich.

Kurz vor Tagesanbruch wurden die Schläfer durch einen lauten Krach geweckt. Sie rafften sich auf, allein der Dunkelheit wegen konnten sie die Ursache des Krachs nicht erkennen. Nur zu bald machten sie die Erfahrung, dass die Scholle geborsten war. Auf einem der Bruchstücke trieb das zweite Wahlboot hinaus in die Nacht.

Ehe sie versuchen konnten, dasselbe zu retten, hatte es sich ihren Blicken entzogen. Als es zu Tagen begann, war alle Hoffnung geschwunden, das Schiffier wieder zu erreichen. Der Nordoststurm war zum Orkane geworden. Zwischend brachen sich die weißgekrönten Wogen an den Feldern und Schollen, welche sich unter der Wucht der Dünung zerteilt hatten und breite Wasserstraßen zwischen sich ließen.

Eine Sturzsee folgte der anderen. Krachend lösten sich geborstete Eisnadeln von den Rändern der Scholle, deren Umfang gegen Mittag um die Hälfte verringert war. Noch ließ das Unwetter nicht nach. Wütend toste die Brandung um das unheimliche Floß und arbeitete unartlässig an dessen Zerstörung.

Als die Nacht hereinbrach, war dasselbe so klein geworden, dass es die Schiffbrüchigen kaum mehr zu beherbergen vermochte. Doch der Sturm nahm ab und man atmete wieder freier. An Schlaf war jedoch nicht zu denken, denn wer sich niedergelegt hätte, wäre in Gefahr geraten, hinweggespült zu werden.

Alle hielten sich an dem Boote fest. Lange dauerte es, ehe der kommende Tag hältte. Dichte Nebel lagerten um den Horizont und verschleierten den matten Dämmerungsbogen. Joseph und Hans waren so glücklich, zwei kleine Seehunde zu erlegen, die mit Heißhunger verschlungen wurden. Eines der Fälle wurde in Streifen geschnitten und den Hunden überlassen,

welche seit der Trennung von dem Schiffe keine Nahrung erhalten hatten. Als der Nebel stieg, kam Lande in Sicht. Nach dem Ufer zog sich eine flimmernde Jung-Eisdecke, über die man unmöglich schreiten konnte. Der Aufenthalt auf der Scholle aber wurde mit jeder Stunde bedenklicher. Erst am 21. gelang es, nach einem größeren Felde überzusiedeln, in dessen Nähe die Scholle getrieben war.

Bei dieser Gelegenheit entdeckte Joseph das andere Wahlboot, welches vor einigen Tagen verloren gegangen und das man nun wieder erlangte. Die Eingeborenen errichteten drei Schneehütten. In der geräumigsten fand die Mannschaft ein Unterkommen, eine andere diente Hans und dessen Familie als Obdach. Und eine Doppelhütte, nur durch eine Schneewand geschieden, aber mit einem gemeinsamen Eingang versehen,

wurde von Tyson und Meyer, sowie von Joseph, Frau Hanne und dem kleinen Panik bezogen. Während der beiden folgenden Tage wehte es fast unablässig aus Südosten. Dennoch begab Joseph am 23. auf die Seehundsjagd. Er kam nicht zu Schuss, allein er erspähte ein Bruchstück des alten Eisfeldes mit der Nothütte. Dasselbe war etwa drei Meilen von dem Lager entfernt.

In Folge des Nahrungsmangels war eine allgemeine Entkräftung eingetreten und der heruntergekommenen Zustand der Mannschaft machte einen beschwerlichen Marsch, wie den nach der Hütte, fast zur Unmöglichkeit. Mit Ausnahme der Weiber und Kinder erhielt daher jeder eine doppelte Ration. Die Hunde wurden mit der übrig gebliebenen Seehundshaut gefüttert und bald darauf war man unterwegs nach dem Felde. Die Bewältigung der ersten Meile beanspruchte mehr als eine Stunde.

Die Bahn führte bald über Jung-Eisdecken, welche so dünn waren, dass sie unter den Dritten sich bogen. Bald mussten hohe Barrieren wild durcheinander geworfene Eistrümer erklommen werden oder es galt breite Spalten zu überqueren, wobei die Hunde viel Aufenthalt verursachten. Später ging es besser und man erreichte nach einem beschwerlichen Marsch das Feld. Außer der Hütte war alles unter feinem Pflugschnee begraben, der eilig hinweggeräumt wurde.

Das Boot und der Proviant zeigten sich in bester Ordnung, nur einige der Pemikanbüchsen waren von den Hunden angenagt und ihres Inhalts beraubt worden. Zunächst säuberte die Mannschaft das Boot und bepackte dasselbe, dann wurden die Hunde vorgespannt und man trat den Rückweg an nach dem Lager. Am folgenden Tage wurde die Arbeit fortgesetzt.

Der Frost hatte die Eisdecke verstärkt, sodass man einen kürzeren Weg einschlagen und die Nothütte in etwa einer Stunde erreichen konnte. Die Eingeborenen beluten sich mit ihren Kajaks, Eskimo-Lederboote, für einen Mann, welche sie mit zerstreut umherliegenden Kleinigkeiten füllten und die Matrosen entfernten das steifgefrorene Zeltdach der Hütte,

aus der empfehlens sie einen rohen Schlitten zusammenfügten. Auf diese Weise konnten sie bedeutende Lasten nach dem Lager bringen. Robert und Wilhelm, die schwer bepackt waren, brachen auf dem Rückweg durch eine Spalte, welche nur von einer dünnen Eisschicht bedeckt war. Halb erstarrt wurden sie aufs Trockene gezogen.

Ihre Ladung wurde auf den Schlitten gelegt und sie selbst erreichten im Dauerlauf ohne weiteren Unfall das Lager. Durch diese Expedition war man in dem Besitz einer Menge wertvoller Gegenstände gelangt. Man hatte einen Bootkompass sowie einen Sextanten gefunden und war dadurch einer peinlichen Verlegenheit enthoben. Auf dem Felde war nichts weiter zurückgeblieben als eine Anzahl Planchen und Pfähle,

ein Teil des Zeltdaches sowie mehrere Säcke mit Kohlen. Während der Nacht wurde der rohe Schlitten verstärkt, am folgenden Tage sollte der Rest der Ladung herbeigeholt werden. Da jedoch schwere Nebel einfielen, war es nicht möglich, diesen Vorsatz auszuführen. Man war genötigt, in den Hütten oder in der Nähe zu bleiben

und diese erzwungene Muße wurde dazu benutzt, die Gewölbe etwas wohnlicher einzurichten. Aus den Planchen wurden Fußböden hergestellt, das Segeltuch diente als Tapete, um die Räume auszuwenden. Die Eingeborenen erbauten noch ein kleines Nebengemach, welches als Küche benutzt werden sollte,

zu deren Herd ein großer silberner Hohlspiegel ausersehen war. Nachdem man alles nach dem Lager gebracht hatte, wurde ein Verzeichnis des Proviants angefertigt. Der ganze Vorrat beschränkte sich auf 14 Kannen Pemikon, auf 10 Dutzend Büchsen Fleisch und Suppen,

auf 14 Schuhe, die sich auf den Hüftkasten befestigen. Auf 14 Schinken, eine Kanne Äpfel, auf etwa 20 Pfund Kakao, sowie auf 11 Säcke Hartbrot, zusammen ungefähr 800 Pfund. 14 Erwachsene und 5 Kinder besaßen also höchstens 800 Pfund Nahrung. Ein kalter und langer Winter stand ihnen bevor,

und die Eingeborenen waren sich wohl bewusst, dass es nicht möglich sein würde, zur Zeit der Finsternis mit Erfolg zu jagen. Das Brennmaterial beschränkte sich fast lediglich auf die beiden Säcke Kohlen, aber da es an einer geeigneten Feuerstätte mangelte, so konnten dieselben nicht ernstlich in Betracht kommen.

Der silberne Hohlspiegel hatte dem Zweck, zu dem er bestimmt gewesen, trefflich gedient, doch als Ofen war er durchaus untauglich. Wann es gelingen würde, das Ufer zu erreichen, ließ sich nicht bestimmen. Bei der äußersten Sparsamkeit konnte der Proviant nur auf wenige Monate ausreichen, das Feuerungsmaterial aber, selbst bei den bescheidensten Ansprüchen, kaum eine Woche.

Man beschloss aber, täglich nur zwei Mahlzeiten einzunehmen, und um dem Verteilen der schmalen Rationen allengerecht zu werden, verfertigte Meier eine rohe hölzerne Waage und Gewichte aus Jagdblei. Die Position der Scholle astronomisch festzulegen, war seither nicht möglich gewesen. Die letztere musste jedoch, seit man das Schiff aus Sicht verloren hatte,

bedeutend nach Süden getrieben sein, denn am 27. Oktober erschien der obere Sonnenrand über dem Horizont, während zuvor zur Mittagszeit nur Dämmerung geherrscht hatte. Im Osten, in einer Entfernung von etwa 40 Meilen, stiegen die bekannten Umrisse der North-Un-Balent-Insel auf,

und etwas südlich von dieser, in blauen Dunst gehüllt, erschienen die Klippen von Hackloth. Eine dunkle Wasserstraße zog sich nach Westen, Josef und Hans folgten ihre Richtung, um nach Roppen zu sehen. Bei Einbrechen der Nacht kehrten sie zurück, aber mit leeren Händen.

Während der beiden folgenden Tage war ihnen das Jagdglück nicht günstiger, erst am 30. kam Hans auf einen kleinen Seehund zu Schuss. Mittlerweile hatte die Scholle sich dem Ufer wieder so weit genähert, dass in den Herzen der Schiffbrüchigen nochmals ein schwacher Hoffnungsstrahl leuchtete.

Die Küste lag fast greifbar nahe, man wartete nur auf eine günstige Gelegenheit, sie zu erreichen. Als die beiden Eingeborenen am kommenden Tage von einer Rekognosierung zurückkehrten und gute Nachrichten über den Zustand des Eises brachten, wurde hierzu der folgende Morgen festgesetzt.

Man legte sich frühzeitig nieder, um sich zu den bevorstehenden Strapazen zu stärken. Allein die frohe Aussicht auf baldige Erlösung scheuchte von manchem Lager den Schlaf. Noch herrschte tiefes Dunkel, als die Matrosen am Morgen des 1. November die kürzlich erbauten Schneehütten abtrogen und die geringen Habseligkeiten in den Booten verstauten.

Die Planken und Pfähle, sowie die beiden Kajaks, wurden vorläufig zurückgelassen. Mit Ausnahme der Kinder wurde jedermann vor die Schaluppen gespannt, welche sich nur widerspenstig über die raue Eisfläche bewegten. Oft musste man zur Axt greifen, um die Bahn zu ebnen, nicht selten nötigten hohe Eishöcker zur geteilten Fortschaffung der Last.

Als die herannahende Nacht die Fortsetzung der Reise unmöglich machte, lagerte man sich unterm freien Himmel auf einem alten Eisfelde. Die zurückgelegte Strecke betrug kaum 7 Kilometer. Zeitig brachen die Eingeborenen am folgenden Morgen mit dem Schlitten nach dem alten Lagerplatz auf, um die zurückgelassenen Gegenstände zu holen.

Zwei der Matrosen, sowie der Koch, waren ihnen vorangeeilt. Ein dumpfes Dröhnen ließ sie plötzlich innehalten. Das Feld unter ihren Füßen begann zu wanken und zu krachen, dann wurde es wieder ruhiger. Hans warf sich zu Boden, das Ohr dicht gegen das Eis gepresst, um auf die unheimlichen Laute zu lauschen. Das Geräusch wurde jetzt noch stärker als zuvor.

Dicht vor Hans öffnete sich plötzlich ein breiter Spalt. Er war kaum emporgesprungen, als er seinen Rückweg bereits abgeschnitten fand. Unzählige Sprünge durchzogen das Eis nach allen Richtungen. Auf dem kleinen Bruchstück einer Scholle trieb Josef mit den Hunden. Vergebens versuchte er mit den geängstigten Tieren, die laut heulten und winzelten,

eine größere Flarde zu erreichen. Allein sie waren so widersetzlich, dass er sie endlich verließ, um sich auf eine umfangreichere Scholle zu retten. Die beiden Matrosen und der Koch, die sich bereits in der Nähe der Hüttentrümmer befanden, wollten ihren Kameraden zu Hilfe eilen. Erst als sie am Rande ihres Feldes angelangt waren, bemerkten sie, dass sie selbst in Gefahr schwebten.

Sie standen auf einer schwimmenden Eisinsel und ihre vereinten Stimmen reichten nicht aus, sich mit Josef und Hans zu verständigen, von denen jeder auf eine kleine Scholle gebannt war. Mehrere Stunden verzweifelter Anstrengung folgten. Den beiden Eingeborenen war es inzwischen gelungen, auf ein etwas festeres Stück Eis zu flüchten, welches sie mit einem Pfahl nach der Hütte zu steuern suchten.

Eine leichte Prise, die sich mittlerweile erhoben hatte, setzte ihnen jedoch so viel Widerstand entgegen, dass alle Bemühungen fruchtlos blieben. Erst als die Flut zu steigen begann und der Wind flaute, konnten sie zu ihren Gefährten gelangen, mit denen sie gemeinsam dem Lager zueilten. Nur die beiden Kajaks konnten sie mitnehmen, das übrige musste zurückgelassen werden,

denn die zunehmende Dunkelheit mahnte zur Eile. Ein heftiger Schneesturm, welcher kurz nach ihrer Ankunft losbrach und bis zum folgenden Abend fortwütete, vereitelte jeden weiteren Versuch nach dem Lande aufzubrechen. Es wehte so überaus ungestüm, dass man es selbst nicht wagen konnte, den Rest der Hüttenpfähle und Planken von dem Felde herüberzuholen.

Und dabei waren die Armen so gut wie obdachlos. Während der Aufregung des verflossenen Tages war es nicht möglich gewesen, Schneehütten zu erbauen. Jetzt aber musste dies ohne Aufschub geschehen. Während des 4. November war das Wetter kaum besser als tagszuvor und am folgenden Morgen gesellte sich zu dem Schneegestöber noch ein heftiger Nordweststurm,

welcher das Eis wieder in Bewegung brachte. Erst am 6. ließ die Wucht des Orkans nach, die Luft wurde klar und am südlichen Himmel erhob sich zu den eintönig grauen Wolken der matte Dämmerungsbogen. Die Scholle hatte sich wieder mehr von der Küste entfernt, damit mussten die Schiffbrüchigen ihre letzte Hoffnung auf Erlösung zu Grabe tragen.

Von einem nahen Eisberge eröffnete sich eine wenig günstige Fernsicht. Rings umher zeigte sich offenes Wasser, von mächtigen Eisbänken durchsetzt, hier und dort eine spiegelnde Jung-Eisdecke. Infolge der übermäßigen Anstrengungen war Tysons Gesundheit so sehr zerrüttet, dass er nicht im Stande war, die Schneehütte zu verlassen.

Das Feld, welches das zusammengetragene Holzpark, war nirgends zu erblicken. Die Matrosen besserten die Sturmschäden aus und die Eingeborenen gingen auf die Jagd. Josef erlegte eine kleine Robbe, Hans kehrte ohne Beute zurück. Allein er hatte das alte Feld entdeckt und brachte einige der Pfähle mit nach dem Lager. Wohl hatte Tyson sich am folgenden Morgen etwas erholt,

allein niemand wagte es, sich von den Hütten zu entfernen, da es wieder heftig stürmte. Erst am 19. liest das Unwetter nach. Die Eingeborenen zogen aus, um zu jagen, und einige der Matrosen fuhren mit dem Hundeschlitten nach dem alten Felde, wo die Hütten-Trümmer zerstreut lagen. Bei dem offenen Wasser angelangt trennten sich Josef und Hans.

Als es zu dunkling begann, kehrte der Erstere nach dem Lager zurück. Stunde um Stunde vor Strich, ohne dass Hans heimkehrte. Von Robert begleitet verließ Josef gegen Mitternacht die Hütte, um den Vermissten zu suchen. Es war nahezu Vollmond, aber nur zuweilen strahlte dessen Licht durch die dunklen Wolken, welche den Himmel bedeckten. Die beiden Männer folgten mehreren Pferden, welche von Hans herzurühren schienen.

Um eine bessere Fernsicht zu erhalten, bestiegen sie darauf einen hohen Eisberg, allein ohne Erfolg. Die wechselnde Beleuchtung und die Wolkenschatten, welche bald hier, bald dort lagerten, nekten das Auge und die Einbildungskraft. Auf dem Wege nach dem Lagerbegriffen drehte sich Josef beiläufig um und gebot Robert, sich rasch zu Boden zu werfen und sich ruhig zu verhalten.

Er selbst kniete im Schatten eines Eisstückes nieder und machte sich schussfertig. Der andere tat das Gleiche, denn ihnen entgegen bewegte sich langsam und bedächtig ein Bär. Josef, der bessere Schütze, vertauschte seine Pistole gegen Roberts Büchse. Bei einer Schneebank angelangt, machte das Wild Halt, es stutzte und schlug alsdann, sich von den Jägern entfernt, eine andere Richtung ein.

Die beiden schlichen vorsichtig hinterher, als sie zu einer Ecke kamen und sich in die Hütte gerissen. Als sie zur Ecke kamen, legten sie sich schussbereit in den Rückhalt eines Humox, das heißt eines hohen, aufrechtstehenden Eistrümmers. Wieder entfernte sich der Bär und wieder setzten die beiden ihm nach, durch einen niedrigen Eiswall gedeckt. Endlich kam das Tier in Schussnähe.

Das Gewehr gegen die Wange gepresst, begann Josef das Brummen eines Bären nachzuahmen. Das Wild hielt einen Augenblick inne. Ungeduldig hob der Jäger die Büchse. Im Begriff abzudrücken, sah er dicht vor dem vermeintlichen Bären, der niemand anders war als der Hanseatenvater, einen langen Flintenlauf blinken, einen Augenblick später,

und Hans wäre des qualvollen Lebens enthoben gewesen, welches ihm auf der Scholle bevorstand. Unvermögend seinen Weg nach dem Lager zu finden, war der Arme stundenlang herumgeirrt. Der treibende Flugschnie hatte sich in dem Pelz seiner Kleidung festgesetzt, sodass er völlig weiß erschien. Hierdurch und infolge der eigentümlichen Gangart des ermüderten Mannes, war selbst der erfahrene Josef getäuscht worden. Wohlgemut brachten die beiden den wiedergefundenen Nimrod nach den Hütten,

wo Frau Merkut sich seiner annahm und für sein leibliches Wohl sorgte. Ausnahmsweise wurde ihm eine doppelte Ration bewilligt, unter den herrschenden Verhältnissen ein außerordentliches Ereignis, denn seit die Jagd aufgehört hatte ergiebig zu sein, war es nötig geworden, sich täglich mit einer Mahlzeit zu begnügen. Aber selbst wenn mehr Proviant vorhanden gewesen wäre, so hätte man denselben wegen der mangelhaften Einrichtung der Küche kaum ordentlich zubereiten können.

Aus begreiflichen Gründen hatte man den silbernen Hohlspiegel als nutzlos verwerfen müssen, und da man weder Steine noch brauchbares Metall besaß, um eine Feuerstätte zu errichten, so konnte man sich der beiden Säcke Kohlen nicht bedienen. Die einzigen Kochgefäße bestanden in zwei alten Bratpfannen und einigen leeren Konservenbüchsen, die meist zu lecken begannen, nachdem sie kurze Zeit in Gebrauch gewesen.

Sämtliche Teller waren verloren gegangen, ebenso die Gabeln. Über einer Tranlampe aus einer Pemikanbüchse hergestellt wurden die Speisen erwärmt, sie förmlich zu kochen war unmöglich, da es an Speck fehlte. Als Docht dienten gezupfte Segeltuchfasern, allein die Flemmchen, welche um die Ränder dieser rohen Lampe zuckten,

verbreiteten nur geringe Wärme und noch weniger Licht. Und doch besaß man keine andere Lichtquelle, denn die Sonne war längst unter den Horizont gesunken und die trübe Dämmerung, häufig durch Nebel und Flugschnä verschleiert, war zu schwach, um durch das kleine Eisfenster in das Innere der Hütten zu dringen. Besonders fühlbar wurde der Mangel an Reinlichkeit.

Waschen konnte sich niemand, denn man hatte kaum Wasser genug, um den brennenden Durst zu löschen, den die Kälte verursachte. Langsam verflossen den Armen die Stunden, namentlich wenn sie ihre Behausung der Dunkelheit oder des Schneetreibels wegen nicht verlassen durften. Und dabei bettelten die hungrigen Kinder beständig um Nahrung,

die ihnen nicht verabfolgt werden konnte. Aus altem Packpapier verfertigte Meier Einspielkarten. Hochbusige Damen und gewappnete Bauern, mit Lampenroos und Fett mehr energisch als künstlerisch gemalt, bedeckten die Blätter. Selbst die Herzen parkten in Schwarz.

Und da diese von den Spaten sich häufig nur sehr schwer unterscheiden ließen, entspannt sich manch ein scherzhafter Wortwechsel. Zu dem gehäuften Elend, welches auf der Scholle herrschte, erkrankte am 13. November noch Peter, und die Minen der übrigen wurden von Tag zu Tag hagerer.

Das Dach einer der Hütten fing an sich zu senken. Man begann daher einen neuen Schneebau, an welchem von nun ab täglich so lange gearbeitet wurde, wie dies die Witterung und die Helligkeit des Dämmerscheins erlaubten. Nach wie vor gingen die Eingeborenen auf die Jagd, aber sie kehrten stets mit leeren Händen zurück. Am 15. am Tage des Vollmondes stieg die Flut ungewöhnlich hoch.

Hierzu gesellte sich eine steife Prise aus Südost, die rings um die Scholle offenes Wasser schuf, wodurch die Hütten abermals gefährdet wurden. Tags darauf machten die Leute den begonnenen Schneebau fertig, versahen dessen Decke mit einem großen Eisfenster und besorgten als dann ihren Umzug. Die Hunde, welche gleich ihren Herrn bessere Tage gesehen hatten,

konnten sich nur schwer an die knappen Rationen gewöhnen. Vereint unternahmen sie einen Angriff auf den Proviant und verursachten dadurch Verdruß und Schaden. Fünfte der Tiere wurden erschossen und verspeist. Die Meute zählte jetzt nur noch vier Köpfe, für deren Unterhalt zu sorgen schwierig genug war. Wieder folgten stürmische Tage.

Während des 17. und 18. konnte niemand die Behausung verlassen. Heftige Böen aus Norden und Nordwesten fielen die Hütten an und begrugen dieselben fast gänzlich unter feinem Flugschnee. Die Luft war dicht bezogen und gestattete keine Fernsicht. Aber man schloss, dass offenes Wasser in der Nähe sei, denn das Eisfeld begann zu wanken und sich unruhig zu bewegen. Nach einer kurzen Stille sprang der Wind am 19. nach Norden um.

Es war prächtig klar und der Dämmerschein blieb während vier Stunden sichtbar, ein untrügliches Zeichen, dass das Feld beträchtlich nach Süden getrieben worden war. Die Eingeborenen entdeckten zwei frische Bärenpferden. Die Tiere hatten das gleiche Revier durchstreift wie die beiden Jäger und einige Robbenlöcher vergrößert. Ihre Spuren aber verloren sich auf dem jungen Eise. Peters Gesundheit hatte sich inzwischen so weit gebessert, dass er die Hütte jetzt wieder verlassen konnte.

Bei einem seiner ersten Ausgänge hatte er jedoch das Missgeschick durch das junge Eis zu brechen, wodurch er sich unangenehme rheumatische Schmerzen zuzog, die ihn von neuem aufs Krankenlager warfen. Tyson litt an dem gleichen Übel. Allein bei den niedrigen Temperaturen, der ungenügenden Bekleidung und der kerklichen Nahrung war kaum Abhilfe zu schaffen. Erst am 21. war der Jagdzug der Eingeborenen wieder erfolgreich.

Sie erleckten drei Seehunde, der größte aber wurde ein Raub der Wellen. Das junge Eis, auf dem das Tier gelegen, gab unterdessen Last nach, und Hans bemüht die wertvolle Beute zu sichern, wäre dabei fast zu Schaden gekommen. Abermals mussten zwei der Hunde getötet werden. Schweren Herzensgriff Josef zur Büchse.

Die dringende Notwendigkeit gestattete keine Wahl. Es waren jetzt nur noch zwei der Tiere übrig, diejenigen, welche sich am besten bewährt hatten. Am 22. kam Josef eine weitere Robbe zu Schuss, und am folgenden Tage brachte Hans einen schmächtigen Jährling ein. Seit der Trennung von der Polaris konnte man sich jetzt zum ersten Mal wieder sättigen.

Das blutreiche Fleisch verlieh den halbverhungerten Menschen rasch neue Kräfte. Der frische Vorrat an Speck gestattete ihnen, eine weitere Lampe zu entzünden, wodurch die Temperatur im Innern der Behausung etwas stieg und das Umsichtgreifen der rheumatischen Leiden hemmte. Eine zweitägige Windstille, verbunden mit niedrigen Temperaturen,

ließ in den Waken, die sich mit einer Eisrinde bedeckten, das Wasser zur Ruhe kommen. Dadurch waren die Eingeborenen genötigt, längere Ausflüge zu unternehmen, um zu ihren Anständen zu gelangen. Allein Robben zeigten sich jetzt nirgends. Nur dann und wann umkreiste die Hütten ein magerer Fuchs,

die Jäger aber hatten Mitleid mit ihm und schunten sein Leben, da er so dreist und zutraulich war. Das Danksagungsfest, allenthalben in den Vereinigten Staaten gefeiert, wurde auch auf dem Eise begangen. Der 28. November, der Tag, auf den dasselbe fiel, war überaus stürmisch, der Himmel mit schwarzem Gewölk bedeckt und der matte Dämmerungsbogen kaum sichtbar. Aber die Schiffbrüchigen waren aufgeräumt und guter Dinge und suchten für diesmal die Sorgen zu bannen.

Ende von Abschnitt 1

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