Chapter 2
Abschnitt 2 von 196 Tage auf treibender Eisscholle von Emil Bessels. Diese LibriVox-Aufnahme ist in der Public Domain. Aufgenommen von Availlie im August 2016. Als matte blau-graue Silhouette zeigte sich am 30. weit entfernt im Süd-Süd-Osten die Hohe Küste. Ohne Karte jedoch war eine Orientierung unmöglich und der Himmel war zu trübe, als dass man eine astronomische Ortsbestimmung hätte vornehmen können.
Am 1. September waren die Höhenzüge wieder verschwunden. Einer der Matrosen entdeckte in der Nähe der Hütten eine frische Bärenpferde, welche er verfolgte, bis er auf das Wild stieß. Da seine Büchse versagte, wäre die Jagd fast verhängnisvoll geworden. Schließlich jagte der Bär den Jäger, welcher das Hasenpanier ergriff und in großen Sätzen nach dem Lager eilte. Dagegen büßte das Füchsel einige Tage später seine Dreistigkeit mit dem Leben.
Abgesehen von dem dichten weißen Pelz war der Rest des selben kaum des Pulvers wert. Das Tierchen war magerer als eine Wasserspinne und gewährte nur wenige Bissen. Erst am 6. Dezember kam die Küste wieder in Sicht. Diesmal jedoch minder deutlich als zuvor. Während der Nacht erhob sich über einem tiefdunklen Wolkensegment ein strahlendes Nordlicht,
welches sich von Osten nach Westen zog und zuweilen mehr als den halben Himmel bedeckte. Die leuchtenden Strahlen schossen bis zur halben Zenithöhe empor und ergossen ihr sanftes Licht über die öde Eiswildnis, die, soweit das Auge reichte, nicht von einer einzigen Wasserstraße durchzogen war. Am folgenden Tage wurde die erste Ortsbestimmung ausgeführt. Die berechnete Breite betrug 74° 4'N, die Länge 67° 35'W.
Wenn man den ungefähren Ort der Trennung des Schiffes von den Schollenfahrern in 78° 10'N Breite und 75° W L verlegt, so hatte sich die Scholle seit dem 15. Oktober täglich etwa 4,9 Meilen nach Süden bewegt. Allein die Trift war wohl nicht gleichmäßig, sondern bald bedeutender, bald geringer gewesen, je nach der Stärke und Richtung der herrschenden Winde, die sie beeinflusst hatten. Die Dunkelheit hatte zugenommen, der schwache Dämmerschein spendete selbst zur Mittagszeit nicht mehr genügend Licht,
um die Eingeborenen auf die Jagd zu locken, und der Mond war kaum ins erste Viertel getreten. Die Rationen wurden jetzt noch kerklicher zugemessen als zuvor. Von nun ab erhielten die Erwachsenen täglich nur 12 Lot Brot, ein halbes Pfund Fleisch und zwei Lot Schinken, die Kinder aber nur die Hälfte. Unter solchen Umständen nahm die allgemeine Entkräftung rasch zu, und der Gesundheitszustand der Mannschaft, der bisher kein guter gewesen, verschlimmerte sich.
Der nächste, der aufs Krankenlager gebannt wurde, war leider Hans, dessen Dienste man nicht leicht entbeeren konnte. Niemand machte sich mehr Bewegung, als durchaus nötig war, denn der Hunger, den man nun einmal nicht genügend zu stellen vermochte, durfte nicht mutwillig heraufbeschworen werden. Der Speck ging auf die Neige, und man war gewöhnlich ohne Feuer und Licht. Schon längst hatte man eines der beiden Wahlboote geopfert. Alle Hilfsmittel, sich frische Nahrung zu verschaffen, schlugen fehl.
Nur ein magerer Fuchs fing sich in einer Falle, die Josef gestellt hatte. Das Weihnachtsfest kam, allein man konnte sich des Tages nicht freuen, die Sorgen um die Existenz wurden drückender und schwerer, und die Stimmung der Schollenfahrer war düster, wie diese umgebende Natur. In den kalten, spärlich beleuchteten Schneehütten saßen 19 halbverhungerte, von schmutzstarrenden Menschen,
um ein Fest zu feiern, welches unter ähnlichen Verhältnissen wohl niemals begangen wurde. Von dem letzten Schinken des Vorrats hatte man ein Pfund zurückgelegt. Etwas über ein Lot davon, nebst vier Lot Zwieback, fünf Lot Pemikan und etwas gefrorenes Segungsblut, bildeten die Gerichte des Festmales. Hansens Gesundheit hatte sich inzwischen gebessert.
Er ging wieder mit Josef gemeinsam auf die Jagd, aber es zeigte sich keinerlei Wild. Nach der geringsten Krise, kam der Pfund zurück. Nach der geringsten körperlichen Anstrengung fühlte jeder die Erschöpfung eines Reconvaleszenten. Die Armen waren so weit gekommen, dass sie gefrorene Seehunds Haut und alte Lederfetzen aßen, dass sie die verkohlten Bindegewebsteile des Specks verschlangen,
welche den Boden der schmierigen Lampen anhafteten, die nun nicht länger brannten. Während des 29. wehte ein stürmischer Nordwind und öffnete das Eis. In einer der Waken erlegte Josef eine Robbe. Dass diese kostbare Beute nicht verloren ging, war lediglich der Kaltblütigkeit des Jägers zu danken, welcher sich einer kleinen schwimmenden Flarde anvertraute und mit dem Kolben seiner Flinte dem Tiere nachruderte,
welches von der Strömung erfasst rasch entführt wurde. Er erreichte das Wild, zog ihm einen Lederrehmen durch die Kiefer und befestigte denselben an seinem hinfälligen Fahrzeuge. Als er umkehren wollte, fand er es unmöglich der Strömung entgegenzuarbeiten. Rasch entschlossen ruderte er einem größeren Felde zu, auf dessen schlüpfriger Fläche er landete. Erst nachdem er mehrmals laut um Hilfe geschrien, kam Hans mit einem Kajak herbei und erlöste ihn.
Die Robbe wurde nach dem Lager gebracht und sofort zerwirkt, bei der niedrigen Temperatur stets eine unangenehme Arbeit. Die Teilung der Jagdbeute erfolgte nach feststehenden Regeln, von denen man nur ausnahmsweise abwich. Das Fell mit dem anhaftenden Speck wurde in eine seichte Vertiefung des Schnees gelegt, um das ausgeschöpfte, erstarrende Blut aufzunehmen. Leber und Herz verspeiste man roh, solange sie noch warm waren.
Das Gehirn sowie die Nieren gehörten dem Jäger und die Augen dem jüngsten Kinder, während die Eingeweide aufgehängt und dem Gefrieren überlassen wurde, um als dann in dem Vorratshause verwahrt zu werden. Eine der Frauen zerlegte den Rumpf in die entsprechende Anzahl gleicher Teile, ordnete dieselben in eine Reihe und gab einem jeden, dessen Name aufgerufen wurde, die betreffende Ration. Auf diese Weise hoffte man persönlichen Vergünstigungen vorzubeugen.
Die Glückwünsche, die man am Neujahrstage sich gegenseitig darbrachte, klangen wie bitterer Hohn. Das einzige Glück, dessen man sich erfreute, war das Leben, aber dieses schien schlimmer als der Tod, denn es bestand aus einer endlosen Reihe der peinlichsten Qualen. Die traurige Wirklichkeit erstickte jegliche Hoffnung auf eine freundlichere Zukunft und dämpfte die leisen Nachklänge besserer Zeiten. Kein rosiger Schimmer durchbrachte düstere Schatten der Gegenwart, die schwer und unheilschwanger den engen Ideenkreis begrenzten.
Man versuchte froh zu sein, allein es wollte nicht gelingen. Wie vor dem zogen die Eingeborenen hinaus, um zu jagen, aber nirgends zeigte sich offenes Wasser, und die Robben hielten sich darum fern. Der Speck ging auf die Neige, und die Leute mussten ihr Feuerchen mit den Planken nähern, die ihre Lagerstätten von der Scholle trennten, um sich nur Trinkwasser zu verschaffen. Rings um die Hütten zogen sich zwei verschlungene Bärenpferden, allein die Dunkelheit vereitelte jeden Versuch, die Tiere zu verfolgen. Da die Jagd keine Beute lieferte, steigerte sich die Not von Tag zu Tag.
Der einzige Schlitten war bereits verbrannt. Die Roderbänke der Schaluppe, von welchem man Späne schnitt, wurden immer kleiner. Nur mit Mühe konnte Tyson die verzweifelten Menschen überreden, das Boot zu schonen, auf welches man die letzte Hoffnung gesetzt hatte. Am 13. fiel die Temperatur so bedeutend, dass das Quecksilber in der Thermometerkugel erstarrte. In Folge der Kälte konnte niemand die Behausung verlassen. Ein leichter Nordost, welcher, mit Schneefall verbunden, während der Nacht einsetzte, brachte etwas Linderung.
Das Thermometer stieg, die Brise aber artete zu einem heftigen Sturm aus, welcher erst am Abend des 15. nachließ. Bei den schmalen Rationen konnten die Hunde nur selten gefüttert werden. Während einiger Tage hatten sie sich von den Hütten ferngehalten, und als sie jetzt zurückkehrten, zeugten tiefe blutende Wunden, welche sie an verschiedenen Teilen des Körpers trugen, von dem unzweiteutigen Kampf mit einem Bären. Joseph verfolgte die Pferden und gelangte zur Stelle, wo der Angriff stattgefunden.
Der Bär hatte sein Heil in der Flucht gesucht und sich ins Wasser gestürzt. In das trostlose Dasein der Schuldenfahrer führte der 19. Januar insofern einen entscheidenden Wendepunkt herbei, als er sie dem düsteren Schattenreiche der Polarnacht entrückte. 83 lange Tage hatte die Sonne sich nicht über den Horizont erhoben. Jetzt ging sie hell und glänzend wieder auf und bestrahlte die starre Eiswildnis.
Dank erfüllten Herzens blickten die schwer geprüften Menschen unverwandt nach Süden. Manche Lippen, welche sonst nur Verwünschungen und Lästerungen ausgestoßen, öffneten sich jetzt zu leisem Gebet. Eine astronomische Ortsbestimmung, welche Meyer am 20. vornahm, ergab 70°, 1,7 Minuten nördliche Breite und 60°, 0,6 Minuten hohe Höhe. Die tägliche Trift hatte sich somit von 4,9 auf 8,5 Meilen gesteigert.
An demselben Tage zeigte sich der erste Vogel, ein junger Teist, Schwimmvogel aus der Familie der Alken, von schäckigem Gefieder. Arglos saß er auf dem Vorsprung eines abgerundeten Hammocks, wo er einer Kugel aus Josefs Büchse zum Opfer fiel. Die Kälte hatte nun wieder zugenommen und das offene Wasser verschwand. Von nun ab musste man den Robben an ihren Atemlöchern auflauern, eine Jagd, welche viel Übung und große Ausdauer verlangt und welche nur von solchen Leuten ausgeübt werden kann, die völlig abgehärtet sind gegen die Umbilden eines arktischen Winters.
Stundenlang muss der Jäger, sein Gesicht dem Schneiden der Hände, die Hände des Händen, mit dem Gesicht dem schneidenden Winde zugekehrt, fast regungslos vor der kleinen Öffnung in dem eise Harn, um die auftauchende Robbe nicht zu beunruhigen, denn die geringste unvorsichtige Bewegung genügt, um das feinhörige Tier zu verscheuchen. Aber Josef war beharrlich und der Erfolg blieb nicht aus. Am 23. Harponierte er einen kleinen Jährling und Hans am folgenden Tage einen anderen,
so dass dem peinlichen Mangel an Öl zur Speisung der Lampen vorerst gesteuert war. Und dies betrachtete man als ein Glück, denn es wurde so kalt, dass das Quecksilber wieder gefroren und während fünf Tagen fest blieb. Wie tief die Temperatur sank, war nicht zu ermitteln, aber die Kälte musste wohl bitter gewesen sein, denn die Eingeborenen wurden mehrmals zur Heimkehr gezwungen, nachdem sie kaum eine halbe Stunde lang von den Hütten fern gewesen. Der Rest der Mannschaft, sowie die Frauen und Kinder, blieben im Innern ihrer Behausung,
in der Nähe der wärmenden Lampen, welche jetzt nicht erlöschen durften, denn zu der niedrigen Temperatur hatten sich hohe Winde gesellt, welche die Kälte noch fühlbarer machten. Nach den Beobachtungen Meyers befand sich die Scholle am 27. Januar in 69 Grad 32 Minuten nördlicher Breite. Die Länge betrug 60 Grad 3 Minuten West. Die Geschwindigkeit der Trift, welche zwischen dem 5. und 20. des Monats täglich noch 8,5 Meilen betragen hatte,
war hiernach auf weniger als die Hälfte gesunken. Die Scholle hatte sich im Laufe des Januars in die Richtung des 60. Meridians bewegt, etwa 80 Meilen von der Küste Westgrönlands entfernt. Wäre diese Länge richtig gewesen, so hätte das hohe Wind nicht mehr so stark gesunken, als die Scholle sich im Laufe des Januars in die Richtung des 60. Meridians bewegt,
etwa 80 Meilen von der Küste Westgrönlands entfernt. Wäre diese Länge richtig gewesen, so hätte das hohe Land wohl dann und wann in Sicht kommen müssen. Berücksichtigt man, dass der Chronometer bedeutenden Temperaturschwankungen ausgesetzt war, dass derselbe bei dem Städtenkampf ums nackte Leben notwendigerweise oft roh behandelt wurde, so lässt sich kaum genaueres erwarten.
Zum Messen von Monddistanzen aber hatte sich bisher noch keine Gelegenheit geboten. Die Breiten waren jedenfalls annähernd richtig. Dieses Vorausgesetzt befand die Scholle sich jetzt etwa 20 Meilen nördlich von dem Parallel der Insel Disko. Dort hatte die Expedition ein reiches Proviantlager zurückgelassen. Die Leute schlugen Tyson deshalb vor, mit ihnen nach dieser Insel aufzubrechen.
Er jedoch, der ältere und erfahrenere, konnte einen solchen Plan nicht gut heißen und malte der Mannschaft die bedenklichen Folgen eines solch verwegenden Unternehmens in den grällsten Farben aus. Die Reise nach der Küste mit den Weibern und Kindern anzutreten hätte wohl nimmer ein gutes Ende genommen. Die Versprengten besaßen nicht einmal einen Schlitten zum Transport ihres Bootes, welches, ohne Schaden zu leiden, sich nicht über das raue Eis hätte schleppen lassen.
Diese Meinungsverschiedenheit verursachte eine bittere Stimmung in dem Lager, aber die Leute gaben sich endlich zufrieden, denn sie sahen wohl ein, dass das schreckliche Abenteuer nur durch Aufrechterhaltung der strengsten Einigkeit einen befriedigenden Abschluss finden könne. Mittlerweile hatte man den letzten Hund eingebüßt. Hans, welcher Jenny mit auf die Jagd genommen, hatte das Tier zwischen den Hammocks verloren
und alle Versuche, dasselbe aufzufinden, waren vergeblich gewesen. Über die Hütten fegten heftige Stürme, die Jagd hatte aufgehört ergiebig zu sein und die gebeugten Menschen verschlangen gierig die letzten Reste der Seehundsfälle, die sie nun nicht länger mit den Hunden teilen mussten. Die besseren Zeiten, auf die man gehofft hatte, blieben aus.
Zudem wurde der Stuart vom Skorputh heimgesucht und es war unmöglich, diesem schrecklichen Übel zu steuern. Erst am 5. Februar gelang es dem unermüdlichen Hans, einen kleinen Seehund zu erlegen, dessen Blut für den Kranken beiseitegesetzt wurde. Josef schoss ein stattliches Tier, allein dasselbe geriet in einen Spalt,
der zwischen zwei Feldern dahin zog und sank, ehe der Jäger herbeieilen konnte, um es zu ergreifen. Eine Beobachtung ergab 68 Grad, 50 Minuten Nord. Die Scholle hatte sich daher seit dem 27. Januar täglich mit einer Geschwindigkeit von 4,7 Meilen nach Süden bewegt. Eine Beschleunigung von nahezu einer halben Meile seit der letzten Beobachtung. Während des 6. wehte es unausgesetzt und stürmisch aus Nordwest.
Bei steigender Temperatur schlug der Wind alsdann gegen Abend nach Süden um und tags darauf blies er ungestimm aus Westen. Dieser rasche Wechsel der Windrichtung hatte die Bildung zahlreicher und ausgedehnter Waken herbeigeführt. In der größten derselben tummelte sich eine Narwalherde lustig umher. Laut schnarchend spritzten die Tiere ihre Wasserstrahlen hoch empor in die kalte Luft.
Josef schoss ein großes Männchen, welches lautlos sank, ohne wieder zur Oberfläche zu kommen. Die übrigen schwammen in nördlicher Richtung davon. Allein schon nach kurzer Zeit kehrten sie wieder zurück, da es dort, nach dem Eisblink zu schließen, wahrscheinlich an offenem Wasser fehlte. Die Jahreszeit war so weit vorgerückt, dass es bereits um 8 Uhr zu Tagen begann, aber um 4 des Nachmittags herrschte wieder tiefe Dämmerung.
Der Mangel an Reinlichkeit machte sich bei der zunehmenden Helle, welche ins Innere der Hütten drang und dort den Schmutz beleuchtete, der sich seit Monaten angehäuft hatte, doppelt fühlbar. Waschen konnte man sich noch immer nicht, doch wurde am 8. Februar ein regelmäßiger Schifffdienst eingeführt, und Kraft der Erlassenen im Verordnung mussten von nun ab die Hütten wöchentlich einmal so weit gereinigt werden, als dies ohne Verbrauch von Wasser sich bewerkstelligen ließ.
Das Segeltuch, welches die Gewölbe ausgekleidete, starte von Eis und Ros. Der warme Atem der Menschen, sowie der Dampf, der während des Korgens entstanden war, hatten sich als dichte Frostblüten an den Moschusfällen kondensiert, welche als Betten dienten. Die alte Leinwand, welche den Boden bedeckte, war von dem Blut und Fett der erlegten Tiere völlig durchtränkt. Der Erfolg der ersten Reinigung war nur von kurzer Dauer, denn während der Nacht brach ein heftiger Schneesturm los,
welcher das Innere der Räume mit seinem Treibschnee erfüllte und die Hütten verschüttete, so dass am kommenden Morgen ein Tunnel ins Freie gegraben werden musste. Das Wasser bedeckte jetzt den Südrand der Scholle, und die Nahwale kamen so nahe, dass man vom Lager aus auf sie feuern konnte. Mehrere wurden erlegt, sie sanken jedoch sämtlich, ehe die Eingeborenen in ihren Kajaks sich ihnen nähern konnten. Es war ein bitteres Gefühl vom Überfluss umgeben zu sein, durch jeden Schuss mehr als 1000 Pfund Fleisch leblos zu machen
und die Beute dahinsinken zu sehen. Mit einer starken Harpune hätte man sich der Tiere leicht bemächtigen können, aber alle Kunstgriffe der Eingeborenen eine solche herzustellen, scheiterten an dem Mangel an geeignetem Material und an passenden Werkzeugen. Im Laufe des Nachmittags nahm der Westwind wieder Sturmesstärke an. Es begann abermals mit solcher Ausdauer zu schneien, dass man am 10. um die Hütten verlassen zu können, wieder zur Schaufel greifen musste. Der Freudenruf, Land in Sicht, weckte die Schläfer am Morgen des 16. früher als gewöhnlich.
Von der aufgehenden Sonne bestrahlt, schimmerten ihnen in lichtem Rot die schneegekrönten, zackigen Bergkämme der Westküste entgegen. Von leichtem Nebel um Wald reckten steile Vorgebirge ihre dunklen Felsflanken weit hinaus in die erstattet trümmerbedeckte See und warfen lange Schatten über die Einfahrten tiefer Buchten, von welchen, durch die Sonne gescheucht, durchscheinende Nebelschleier sich hoben. Tyson, welchem die Küste von früheren Reisen her bekannt war, glaubte Cubs Seward zu erkennen. Dort wohnten Eingeborene und die Entfernung, welche das Lager von dem Lande trennte, betrug nicht mehr als 36 bis 40 Meilen.
Wäre das Eis, welches zu mastenhohen Wellen getürmt lag, gangbar gewesen, so hätte man sofort aufbrechen und die Reise nach der Küste antreten können. Doch unter den herrschenden Umständen schien es geraten, mit dem Aufbruch zu warten. Seit dem Zehnten hatte man nur einen einzigen kleinen Seehund erbeutet, da es inzwischen stürmisch oder neblig gewesen. Und wieder drohte die Not, sich zu melden, als es Josef gelang, einen hageren Jährling zu überrumpeln, welcher sich schläfrig auf dem Eis sonte. Die Teiste, die sich bisher nur verzweifelt gezeigt hatten, kamen jetzt in größeren Schaden.
Elf dieser Vögel wurden am 20. geschossen. Von dem alten Proviant waren nur noch drei Kanen Pemikan und zwei Säcke Hartbrot übrig, welche als unantastbar galten. Denn noch war der Winter nicht vorüber und die stürmischen Tage, die bevorstanden, waren zahlreich. Falls es nicht gelang, das Land in kürzester Frist zu gewinnen, so konnten im günstigsten Falle noch Wochen vergehen, ehe die ersehnte Erlösung winkte. Am 21. Februar stieg die Temperatur auf eine unerhörte Höhe.
Das Thermometer stand im Schatten auf minus 14,5 Grad Celsius. Seit der Trennung von der Polaris war es nicht so warm gewesen. Trotz der guten Vorsätze, die man gefasst hatte, musste jetzt der Proviant in bescheidener Weise angegriffen werden. Die Teiste, sowie die letzten Reste des Robbenfleisches, waren verzehrt und die Eingeborenen durchstreiften die ganze Umgegend, ohne zu Schuss zu kommen. Um den nagenden Hunger zu stillen, aßen sie abermals von den gefrorenen Abfällen der Heute, denn Pemikan und Brot durften nur lotweise verabfolgt werden. Da die Zustände sich kaum verschlimmern konnten, beschlossen die Leute, die erste Gelegenheit zu ergreifen, um das Land zu erreichen und alles aufs Spiel zu setzen.
Einzelne Schäden, welche das Boot erlitten hatte, wurden daher ausgebessert, die Waffen in Ordnung gebracht und Pulver und Blei in geöltes Leder verpackt. Am 21. gedacht man aufzubrechen. Aber die Ausführung dieses Planes wurde durch einen starken Schneefall vereitelt, welcher am Abend des 23. begann und bis zum folgenden Nachmittag wehrte. Knie tief deckten jetzt die lockeren Flocken die raue Oberfläche der gefrorenen See und machten das Marschieren in höchstem Grade beschwerlich. Die Scholle, die sich am 25. wieder weiter von der Küste entfernt hatte, trieb rasch nach Süden. Mehrere Vorgebirge, welche man tagszuvor noch im Westen erblickt, peilten jetzt nördlich. Außer einer kleinen Waage, deren Entfernung vom Lager etwa 3 Meilen betrug, zeigte sich kein offenes Wasser.
Aber dunkle Wolken, welche über dem nördlichen Horizont lagerten, schienen in dieser Richtung auf eisfreie Stellen zu deuten. Während der beiden folgenden Tage stieg die Kälte wieder auf 32 Grad. Hierzu gesellten sich heftige Winde, die den Aufenthalt im Freien so unangenehm machten, dass die Jäger sich veranlasst fühlten, in den Hütten zu verweilen. Am 28. entdeckten sie eine frische Bärenpferde, welche sich von dem Lager nach einer Glatteisfläche zog, wo selbst sie endigte. Sie späten nach dem Tiere, aber ihre Mühe blieb unbelohnt.
Dagegen erlegten sie gegen Abend etliche 30 Teiste, denen sie am folgenden Tage weitere 60 beifügten. Die alten Vorräte konnten nun wieder unberührt bleiben. Der März war gekommen und mit ihm die intensive Kälte, welche dem Anfang dieses Monats eigen ist. Am 2. schoss Josef eine riesenhafte Bartrobe von 8 Fuß Länge, deren Fleisch und Speck die Eisfahrer aller Sorgen um ihre Existenz enthob. Wenig wurde die Einförmigkeit des Lebens jetzt unterbrochen, die Leute entschädigten sich für die schweren Zeiten, die sie erlitten, und aßen und schliefen nach Herzenslust. Mittlerweile hatte die Scholle sich der Breite des Golfs von Cumberland genähert.
Es stürmte aus allen Richtungen der Windrose und am 10. wütete ein Orkan aus Norden, dessen Wucht während der dunklen, sternlosen Nacht die Eisdecke brach. Furchtbar tobte es unter der Scholle, die einem Korkegleich von Welle zu Welle geworfen wurde und donnernd gegen bröckelnde Eistrümer prallte. Zuweilen entstand eine Pause, doch nur wenige Sekunden währte die Ruhe. Dann erhoben sie sich wieder, die grausigen Laute. Es ächzte und stöhnte, knirschte und krachte, und dazwischen mengte sich das Heulen des Windes und das brausende Tosen der Brandung. Bald dumpf, wie aus weiter Ferne, bald donnerähnlich, aus unmittelbarer erschreckender Nähe.
Es mochte etwa neun Uhr sein, als man einen lauten Knall vernahm. Die Scholle bebte, die Hütten wankten, dann folgte ein knirschendes Geräusch, den lauten gleich, welche der Kiel eines Schiffes verursacht, der über steinigen Grund schleift. Unter heftigen Stößen von der Seite stürzte plötzlich der Schneetunnel ein, welche zu der Behausung führte. Josef und Tyson eilten ins Freie. Kaum hatten sie die Hütte verlassen, als die vereinte Wucht des Sturmes und des Seegangs sie zu Boden schleuderte. Von Flugschnee umwirbelt gelangten sie kriechend zum Rande des Eises. Höchstens zehn Schritte vom Lager brach sich die Brandung. Die Scholle war zertrümmert, der letzte Stroß hatte sie geborsten. Wie viel von ihr übrig war, ließ sich nicht überschauen, denn die Heftigkeit des Orkans zwang die beiden zur schleunigen Umkehr.
Ohne Unterlass stürmte es während der ganzen Nacht. Der Morgen kam, aber des wilden Schneetreibens wegen durfte es niemand wagen, die Hütte länger als einige Minuten zu verlassen. Diese Zeit aber war nicht genügend, um sich über den jetzigen Umfang der Scholle Klarheit zu verschaffen. Entweder wehte es jetzt heftiger als gestern, oder das eisige Floß, auf dem die Behausung ruhte, war bedeutend kleiner geworden. Denn umgestümer und rascher erfolgten die schwankenden, schaukelnden Bewegungen, welche jetzt die Frauen seekrank machten. Die Ereignisse der folgenden Nacht bildeten eine Wiederholung derjenigen der vorigen, nur in großartigerem Maße. Lauter toasten die unheimlichen Stimmen des Eises, die Wucht des heulenden Sturmes schien verstärkt, und die wilde Dünung der hochgehenden See brandete geräuschvoller und heftiger um die Scholle, die ihr als Spielball diente.
Als endlich nach sechzigstündiger Dauer der Sturm sich legte und die Schiffbrüchigen ihre beschädigten Hütten verlassen konnten, bemerkten sie einen gewaltigen Wechsel in der Beschaffenheit des Eises. Die mächtigen Schollen und Felder waren zu kleinen Trümmern zermalmt, Berge deren Massenbau zuvor und in der Zeit der Schocker und der Schocker, die sich in der Schocker und der Schocker verlieh. Die Scholle aber war ringsum zerbrochen und besaß kaum mehr ein Drittel ihrer ursprünglichen Ausdehnung. Nirgends zeigte sich ein Feld, auf welches man hätte übersiedeln können, weit und breit nichts als eine Schale, die sich in der Schocker und der Schocker beherrscht. Die Scholle war die Schale der Schocker, die sich in der Schocker und der Schocker beherrscht.
Nirgends zeigte sich ein Feld, auf welches man hätte übersiedeln können, weit und breit nichts als unsichere Trümmer, kaum genügend groß, um einem einzigen Manne als Zufluchtsort zu dienen. Während des 13. wurden die Sturmschäden der Hütten ausgebessert. Am folgenden Tage schoss Josef eine weitere Bartrobe, welche hindes hinter der vorigen an Größe weit zurück blieb. Dem Tiere, welches ein Junges von der Länge eines gewöhnlichen erwachsenen Seehundes trug, wurden die Brustdrüsen ausgedrückt, wodurch man eine nicht unbedeutende Menge Milch erhielt. Außerdem kamen drei grönländische Robben zu Schuss, wovon eine verloren ging. Nach einer Meridianhöhe der Sonne befand sich die Scholle um Mittag in 64 Grad 19 Minuten nördlicher Breite. Sie hatte daher während der letzten beiden Tage sich 13 Meilen nach Süden bewegt.
Am 15. wehte es steif aus Osten. Das Eis geriet armermals in Strängen, aber nicht mit genügender Heftigkeit, um gefährlich zu werden. Bei steigender Temperatur schlug der Wind am folgenden Morgen nach Südwesten um und brachte leichte Nebel, sodass es nicht möglich war, eine Ortsbestimmung zu machen, was Meier erst am 17. gelang. Das Resultat derselben betrug 63 Grad 47 Minuten nörd. Die Strömung war stärker geworden und hatte während der letzten drei Tage eine Geschwindigkeit von mehr als 10 Meilen in 24 Stunden angenommen. Ein Bär, welcher sich in der Nähe der Hütte blicken ließ, entwischte zum Leidwesen der Jäger mit heiler Haut. Durch den Geruch des Seehundfleisches angelockt hatte er die Umgebung des Lagers bedächtig untersucht und Josef, welcher ohne Büchse ins Freie getreten war, kaum eines Blickes gewürdigt.
Erst als der Eingeborene bewaffnet wiederkam, spitzte er die Ohren und setzte in schwankendem Galopp mit einer Behändigkeit, welche man ihm kaum zugetraut, über die losen Eistrümer, auf die ihm niemand folgen konnte. Im Laufe dieses Monats war selten eine klare Nacht vergangen, ohne dass man nicht ein Nordlicht erblickt hätte. Besonders glänzend zeigte sich ein solches am 18. März, aber wie gewöhnlich folgte ihm ein Sturm, welcher mit großer Heftigkeit aus Nordwesten zu Wehen begann, dann nach Norden umschlug und, mit Schneetreiben verbunden, fast unausgesetzt zwei Tage lang mit solcher Stärke wütete, dass niemand die Behausung verlassen mochte. Zuweilen, wenn das Geräusch des Windes kurze Zeit verstummte, ließen die Wale sich vernehmen, dessen Schnarchen dann deutlich ins Innere der Hütte drang.
Allein der Jagdeifer der Eingeborenen war nicht stark genug, um sie ins Freie zu locken und sie zu veranlassen, das warme Lager gegen den windigen Anstand zu vertauschen. Die Sonne war in den Frühlingspunkt getreten, aber der Frühling zauderte noch seinen Einzug zu halten. Winterlich und starr erstreckten sich die wüsten Eistrümer, welche das Meer bedeckten, in die unabsehbare Ferne und erglänzten in dem trügerischen Sonnenlichte, dessen Wärme sich kaum fühlbar machte. Ob schon die Schollenfahrer den Polarkreis bereits überschritten hatten und sich beständig weiter von ihm entfernten, so sollten sie den rauen Tagen des arktischen März doch nicht entgehen. Ja, es standen ihnen schrecklichere Zeiten bevor als die schlimmsten, die sie während des dunklen Winters erlebt hatten.