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from 196 Tage auf treibender Eisscholle by Emil Bessels — automated transcript, may contain recognition errors.

Abschnitt 3 von 196 Tage auf treibender Eisscholle von Emil Bessels. Diese LibriVox-Aufnahme ist in der Public Domain. Aufgenommen von Abayi im August 2016. Am 22. März befand sich die Scholle in 62 Grad 56 Minuten nördlicher Breite und hatte ihre Geschwindigkeit nur um einen kleinen Bruchteil einer Meile verringert.

Der folgende Tag war wieder stürmisch, die Temperatur sank und niemand konnte die Hütten verlassen. Nachdem die Witterung am 24. sich gebessert hatte, begaben sich die Eingeborenen nach dem beschränkten Waken, welche jetzt etwa 5 Meilen vom Lager entfernt waren. Joseph erlegte einen feisten Seehund, zwei weitere dieser Tiere brachte der folgende Morgen. Aus einer Anzahl von Sonnenhöhen, welche meier um Mittagmars, ergab sich, dass die Scholle seit dem 22.

ihre tägliche Bewegung auf 19 Meilen gesteigert hatte. Sie befand sich jetzt eine Meile nördlich von dem 62. parallel. Während bisher nur zwei Robbenarten zu Schuss gekommen waren, die grönländische und die Bartrobe, erschienen am 26. die ersten Klappmützen, deren geografische Verbreitung eine beschränktere ist. Diese Robbe, welche an Größe der Bartrobe kaum nachsteht, unterscheidet sich dadurch von allen übrigen Seehunden,

dass die Männchen auf dem Kopfe einen großen, häutigen Sack besitzen, der mit der Nase in Verbindung steht. Diese blasenartige Erweiterung der Kopfhaut kann von den Tieren willkürlich mit Luft gefüllt werden und nimmt ausgedehnt die Form einer Mütze an, welcher dieser Robbenart ihren Namen verdankt. Wie den übrigen Repräsentanten der Familie fehlt auch ihr die äußere Ohrmuschel und die Öffnung des Ohres ist so klein, dass sie auf den ersten Blick kaum bemerkt wird.

Ihr Körper ist lang und schwer. Die Grundfarbe ihrer Oberseite wechselt zwischen einem hellen und dunklen Kastanienbraun mit noch dunkleren Flecken, deren Verteilung an die Zeichnung eines Leoparden erinnert. Die Unterseite ist dunkelgrau und zeigt bei Tieren, welche gerade dem Wasser entstiegen sind, einen silberglänzenden Anflug. Unähnlich ihren Verwandten setzt sich die Klappmütze, wenn angegriffen, wütend zur Wehr.

Sie beißt, kratzt und faucht, und es fehlt nicht an Beispielen, dass sie den Robbenschlägern den Knüttel entwand, denselben zwischen die Zähnenahmen, in durchrasch drehende Kopfbewegungen von Seite zu Seite schwang und so ihren entwaffneten Gegner zum Rückzug nötigte. Mit der Büchse ist die Jagd völlig gefahrlos und weder leichter noch schwieriger als die auf andere Robbenarten. Während der Paarungszeit finden um den Besitz der Weibchen heftige Kämpfe statt,

wobei die erbitterten Tiere sich so geräuschvoll gebärden, dass der Lärm weithin hörbar wird. In kleinen Rudeln vereinigt, ihre Gründe mit keiner anderen Art teilend, wirft die Klappmütze, bald auf dem Pack-Eise des Hohen Meeres, bald auf den Feldern, welche das Land säumen, im März oder April ein einziges Junges. Dieses wird 20 bis 25 Tage von der Mutter gesäugt.

Seine Farbe ist schwach gelblich weiß und geht allmählich, wenn das Tier seinen Aufenthalt auf dem Eise gegen den im Wasser vertauscht, in ein schmutziges Grau über. Wahrscheinlich überschreitet die Klappmütze nicht den 76. Breitengrad. Sie findet sich nirgends häufig und ist jetzt aus manchen Gegenden, wo sie ehemals vorkam, gänzlich verschwunden. Die meisten werden längs der Südwestküste Grönlands und der Gestade Labradors erlegt,

nur ausnahmsweise findet sie sich in der Gegend von Jan Mayen. Weiter nördlich und östlich, sowie in dem Meer von Spitzbergen, gehört sie zu den Seltenheiten. Von Stürmen verschlagen erscheint sie zu Beilen an den Küsten Skandinaviens und Englands, einige wurden sogar in der Nähe New Yorks getroffen. Diese Tiere versorgten von nun ab die Schollenfahrer mit Nahrung.

Am 26. allein wurden deren drei erlegt und am folgenden Tage zeigte sich im Lager ein Bär, welcher sein Leben lassen musste. Kurz vor dem Einbruch der Dämmerung hörte Tyson, als er sich eben zur Ruhe begeben wollte, vor der Hütte ein Geräusch, als wäre das Eis in Bewegung. Er schickte Josef hinaus, um nachzusehen. Dieser kehrte nach einigen Sekunden mit der aufregenden Meldung zurück,

dass ein Bär an seinem Kajak nage, welcher sich kaum zehn Fuß vom Eingang der Hütte befand. Josefs Büchse aber war im Innern dieses Kajaks verborgen, und diejenigen Tysons stand gegen denselben gelehnt. Außer einer der Pistolen war keine Waffe zur Hand. Nachdem Tyson eilig seine Fußbekleidung angelegt hatte, krochen die beiden vorsichtig hinaus.

Am Ende des Schneetundels angelangt, hörten sie den Bären deutlich nagen. Einen Schritt weiter und sie gewahrten das Tier, welches sich jetzt mit einem der gefrorenen Klappmützenfälle beschäftigte. Während Josef nach der Behausung der Matrosen schlich, um Hilfe zu holen, krocht Tyson vorsichtig nach dem Kajak in die Nähe seiner Büchse.

Als er dieselbe ergreifen wollte, fiel sie um und schlug geräuschvoll gegen eine Doppelflinte, welche neben ihr lag. Der Bär, durch diese Laute beunruhigt, drehte sich um und brummte, aber schon hatte Tyson seine Büchse erfasst und ihn aufs Korn genommen. Er wollte Feuer geben, doch die Waffe versagte. Er spannte den Hammer zum zweiten und dritten Mal, allein der Schuss ging nicht los.

Neugierig trollte jetzt der Bär auf den Jäger zu, welcher indessen nicht höflich genug war, den Besuch abzuwarten, sondern sich eilig nach der Hütte zurückzog, um Patronen zu holen. Die Mündung der frisch geladenen Büchse aus dem Schlupfloch des Tunnels steckend, gewahrte er dicht vor sich das Tier.

Er legte an, zielte, soweit dies die Dunkelheit gestattete, und gab Feuer. Seinem Schuss folgten in rascher Reihenfolge zwei weitere aus Josefs Büchse und Pistole. Der Bär machte einen verzweifelten Luftsprung, rante dann eine kurze Strecke fort und brach zusammen. Da es bereits zu finster geworden, wurde er in den Schnee verscharrt. Als die Eingeborenen ihn am folgenden Morgen zerwirkten,

zeigte es sich, dass Theisens Kugel ihn in der Richtung von der linken nach der rechten Schulter durchbohrt und ihm das Herz zerrissen hatte. Einer von Josefs Schüssen war ihm in die rechte Hüfte gedrungen, die Pistolenkugel aber hatte einen seiner Halswirbel zerschmettert. Am 28. war Neumond, und die darauffolgende Springflut,

zu der sich ein stürmischer Nordwind gesellte, welche zuweilen Orkanstärke annahm, sollte auch diesmal nicht wirkungslos vorübergehen. Das Eis brach abermals, und die starke Dünung der hochgehenden, schwellenden See richtete große Verheerungen an. Unter dem heftigen Drängen wurden die kleineren Felder und Flarden zertrümmert, die Berge, welche sich nach hunderten zählen ließen, waren jetzt ihrer Fessel ledig und wiegten sich auf den wilden Wogen.

So oft einer sich überschlug, schwankte und bebte die kleine Scholle, dass man fürchtete, sie würde in Trümmer gehen. Während der Nacht des 29. geriet sie mit einem der Kolosse in Konflikt. Ein dumpfer Krach verkündete den Zusammenstoß, Jedermann eilte nach dem Boote, um dasselbe im äußersten Fall der Not flott zu machen. Als es endlich zu Tagen begann, erhob sich ein heftiges Schneetreiben.

Gegen Mittag legte sich der Wind, aber noch fiel der Schnee in dicken Flocken. Undeutlich zeigte sich in der Nähe der Scholle ein Eisstück, auf welchem ein dunkler Gegenstand lag, der aussah wie eine Robbe. Joseph feuerte. Der dunkle Körper machte eine leichte Bewegung und blieb darauf ruhig wie zuvor. Das Boot wurde bemannt und als die Leute bei der Flarde anlegten, gewahrten sie eine alte Klappmütze nebst ihrem Jungen.

Die verwundete Mutter setzte sich wütend zur Wehr. Nach einem kurzen, vergeblichen Widerstand wurde sie aber erlegt und nebst dem Kalber ins Boot gezogen. Der klegliche Ruf des Tierchens lockte das Männchen herbei, dem eine Kugel aus Hansens Büchse entsand, den Kopf durchbohrte. Eine Meridianhöhe der Sonne versetzte die Scholle am Mittag des 31. März in 59 Grad 51 Minuten nördlicher Breite.

Die tägliche Geschwindigkeit der Drift hatte sich also seit dem 25. von 19 auf 30 Minuten. Wieder begann es zu stürmen. Wieder wühlte der Wind eine starke Dünung auf und wieder folgte eine spannungsvolle Nacht, aber weit peinlicher noch als die verflossene. Die Scholle trennte sich vom Rest des Eises und trieb nach dem offenen Meere. Der Seegang nahm zu und damit das Schwanken und Schaukeln des unheimlichen Fahrzeuges,

an dessen berstenden Rändern die Wogen sich umgekehrt haben. Am Morgen war die Scholle bis auf den Umkreis der Hütten zertrümmert und konnte nicht länger als Aufenthaltsort dienen, denn schon leckten die Wellen an den Schneemauern der Behausung. Aber wohin sollte man sich wenden? Es war nirgends ein Stück Eis zu erblicken. Immer kleiner wurde die Scholle und um ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen,

beschlossen die Unglücklichen ihr Boot flott zu machen und das Pack-Eis aufzusuchen, welches irgendwo im Westen liegen musste. Wie weit entfernt? Das wusste niemand. Jedenfalls war die Entfernung eine bedeutende, denn kein Eisblink erschien am westlichen Horizont, wo dunkles Wassergewölk drohend emporstieg. Das Boot ursprünglich für die Scholle war ein Schall, das sich von der Schale aus dem Wasser gerettet hat.

Das Boot, ursprünglich für sechs Personen bestimmt, musste jetzt der 9-10 fassen, und die Matrosen, welche die Riemen bedienten, konnten mit den Armen kaum weit genug ausholen, um gegen die wilde Dünung anzukämpfen. Ob schon man nur das Nötigste mitgenommen, ob schon man sämtliche Fälle und den ganzen Fleischvorrat, mit Ausnahme der Bärenschinken, zurückgelassen hatte, war das Boot so sehr überladen,

dass es den Sturzseen unmöglich lange widerstehen konnte. Es drohte sich zu füllen und musste unbedingt erleichtert werden, falls man seinem Jähen sinken vorbeugen wollte. Zuerst wurde das Bettzeug über Bord geworfen, etwas später das Fleisch. Aber noch hatte der Nachen zu viel Tiefgang und die Notwendigkeit gebot,

sich gleichfalls von dem größten Teil des Pemikans zu trennen. Kurz darauf musste man fast den ganzen Vorrat an Brot opfern. Nun war alles entbehrliche und vieles, was man schmerzlich vermisste, über Bord geworfen, allein nur wenig Gutes erwuchs daraus, denn der Seegang hatte zugenommen. Unaufhörlich musste Wasser geschöpft werden, aber dessen Menge im Innern wollte sich nicht verringern.

Beharrlich kämpften die Ruderer gegen Wind und Dünung, das Erscheinen des Pack-Eis-Saumes verlieh ihnen neuen Mut und frische Kraft. Es war spät am Abend, als man denselben erreichte. Es zeigte sich viel Eis, aber lange musste man suchen, ehe man eine Scholle fand, welche sich zum Lagerplatz ereignete.

Den Weibern und Kindern wurde das Boot als Nachtquartier angewiesen, während die Mannschaft in einem Zelteschutz suchte, welches sie im Laufe des Winters aus altem Segeltuch verfertigt hatte. Nach einer schlaflosen Nacht griffen die Schiffbrüchigen am Morgen des 2. April wieder zu den Riemen, denn während der unerquicklichen Rast war die Scholle in mehrere Stücke zerbrochen,

sämtlich zu klein, um Sicherheit zu gewähren. Aber sie hatten kaum zwei Meilen zurückgelegt, als ein heftiger Südwind einsetzte, welcher zum Sturm wuchs. Das Boot hatte inzwischen ein Leck erhalten und musste eiligst auf eine kleine Scholle gezogen werden. Es fuhr fort zu stürmen. Die Nacht brach herein und verging unter ähnlichen Verhältnissen wie die verflossene. Mit Tagesanbruch begannen die Leute das bestätigte Boot auszubessern, was mehr als drei Stunden in Anspruch nahm.

Gegen neun Uhr machten sie dasselbe flott und flüchteten sich längs der Außenkante des Packeises nach Süden. Gegen zwei Uhr des Nachmittags wurden sie durch den Wind genötigt, die Schaluppe auf eine Scholle zu ziehen. Das Eis packte sich. Sie waren ringsum besetzt und hatten keine andere Wahl als zu lagern. Es gelang nur mit Mühe, das Zelt zu errichten und zu befestigen, um es vor der Wucht des Sturms zu schützen. In unmittelbarer Nähe zeigten sich mehrere Klappmützen.

Die Eingeborenen erbeuteten ein junges Männchen, welches sowohl Nahrung als Feuerung lieferte, deren man dringend bedurfte. Der vierte April verlief kaum besser als der vorhergehende Tag. Gegen neun Uhr des Morgens gelang es den Schiffbrüchigen, sich aus den Fesseln des Eises zu befreien und das offene Wasser zu gewinnen. Abermals ruderten sie an der Kante des Packeises entlang nach Süden. Sie mochten etwa zwei Stunden unterwegs gewesen sein, als ihnen Flarden und Schollen entgegentrieben und ihr Boot festklemmten.

Ehe sie Zeit hatten, einen Lagerplatz zu suchen, waren sie aufs Neue besetzt. Sie zogen das Boot auf die nächste Flarde und schlugen das Zelt auf. Nach einer Beobachtung Meyers befand sich diese neue Wohnung in 56 Grad 47 Minuten nördlicher Breite. Das Plätzchen sah wenig einladend aus, doch man schätzte sich glücklich, es gefunden zu haben, denn es begann ungestüm aus Nordwesten zu wehen und von Osten her kam eine kurze, wilde Dünung. Als es zu Dunkeln begann, brach das Unwetter mit verzweifelter Wucht los.

Durch Norden sprang der Wind nach Nordost um, der Seegang wurde holer und weiße Schaumflocken flogen in dichten Massen gleich schnee hinüber ins Lager. Nur wenig Schutz gewährte jetzt das leichte Zelt, dessen Bewohner zähneklappend um die Lampe kauerten. Die Kinder weinten und die Frauen jammerten. Um dem allgemeinen Elend ein Ende zu machen, erbaute der unersetzliche Josef ein Schneehaus, in dem man sich hätte beharrtlich fühlen können, wenn die rauschende Dünung nur minder stark gewesen wäre. Es mochte etwa fünf Uhr des Morgens sein, als die Scholle in hohen Tönen zu knistern begann.

Darauf folgte ein unheimliches Knacken, dann ein dumpfes Dröhnen, ein ungestümmes Beben, ein lauter Krach und das Eis war dicht bei dem Zelte geborsten. Eine kurze Pause, die darauf entstand, wurde durch ähnliche Laute unterbrochen wie vorher. Die Scholle splitterte nochmals. Rasch wurde das Schneehaus geräumt, das Zelt abgebrochen und nach der Mitte des Eises geholt. Kaum hatte man die Kinder in Sicherheit gebracht, als ein weiteres Stück der Scholle sich ablöste.

Die Schneehütte stürzte ein und trieb mit dem Bruchstück hinweg. Unter steigender Unruhe verflosster Tag. Niemand wusste, wo die Scholle sich zunächst spalten würde. Der nächste Augenblick schon konnte den Armen, die während sechs Monaten des Elends und der bittersten Täuschungen sich standhaft gehalten, ein kaltes Grab in der schäumenden Flut bereiten. Die zunehmende Kälte verlasste Josef, eine neue Schneehütte zu erbauen, denn das Zeltdach schützte kaum die Kleinen vor dem eisigen Winde.

Während der Nacht eine Wache auszusetzen, war insofern überflüssig, als alle wachten. Niemand wagte es, sich dem Schlafe hinzugeben, dessen man so lange entbehrt hatte. Aus Nordosten schlug der Wind nach Nordwest um, ohne seine Stärke zu vermindern. Die Nacht war eine schreckliche, doch sie verflos ohne weitere Gefahr. Wieder wurde es morgen. Es war der 6. April. Allein die Zustände wollten sich nicht bessern.

Die See schwoll, das Eis wurde beweglicher als es gewesen und der Wind wuchs zum Orkane. Gegen Mittag bildete sich ein breiter Spalt, welcher die Hütte durchzog, die Josef erbaut hatte. Von der Scholle war jetzt nur noch ein kleines Bruchstück übrig, aber dieses konnte man der heftigen Dünung wegen nicht verlassen. Die Schiffbrüchigen legten ihre geringen Habseligkeiten in das Boot, in welchem als dann die Weiber und Kinder Platz nahmen. Die übrigen hielten an den Seiten der Schaluppe wacht, um dieselbe im entscheidenden Augenblick zu bemannen.

So verbrachten sie eine weitere Nacht. Aber schlimmer noch als diese war der Tag, der ihr folgte. Um 6 Uhr des Morgens spaltete die Scholle sich abermals. Nur mit Mühe und unter der peinlichsten Gefahr vermochten die Leute, sich auf das Größte der beiden Stücke zu retten, wobei sie das kostbare Boot nahezu eingebüßt hätten.

Sie besaßen jetzt weder Speck für die Lampe, noch Fleisch zum Essen, aber am meisten vermisten sie das Trinkwasser, denn der Schnee auf der sehr verkleinerten Scholle war durch die Sturzwellen vollständig praktisch geworden. Gegen Mitternacht stieg der Tumult der Elemente am höchsten. Von der Scholle löste sich ein weiteres Stück, und auf diesem, an den Rand des Bootes geklammert, trieb Meyer hilflos hinweg. Bestürzt blickten die anderen ihm nach.

Ihm Hilfe zu leisten war unmöglich, und ihm allein konnte es nie mehr gelingen, die Schaluppe zu regieren. In dem Boote befand sich Josefs Kajak. Diesen setzte Meyer nun aus, in der Hoffnung, der Wind würde ihn einem der Eingeborenen in die Hände spielen. Aber das kleine Fahrzeug wurde nach einer anderen Richtung entführt und trieb schließlich in einem weiten Bogen wieder zu ihm zurück. In diesem Augenblicke der höchsten Not bewiesen die Eskimo ihre Kaltblütigkeit und Aufopferung.

Mit Hintansetzung ihrer Familien, das eigene Leben in die Schanze schlagend, bestiegen sie rasch entschlossen und wohlgemut, als gellte es eine Spazierfahrt, zwei Eisstücke, die gerade vorbeitrieben, und ruderten mit den Schäften ihrer Speere zu dem hilflosen Menschen auf der Scholle. Ängstlich blickten ihre Genossen ihnen nach, denn die beiden hatten heftig gegen den Wogen dran, um die Eistrümer zu kämpfen. Länger als eine Stunde arbeiteten sie standhaft mit starken Armen. Dann entschwanden sie den Blick in ihre Gefährten.

Es begann zu schneien, die Flocken fielen dichter und dichter, und schwächer wurde die matte Dämmerung. Um drei Uhr des Morgens, als es tagte und das Schneegestöber aufhörte, zeigten sich Meyer und die Eingeborenen neben dem Boots auf dem geborstenen Floß, in dessen Nähe der Kajak noch trieb. Die beiden Schollenstücke, etwa eine Meile voneinander entfernt, waren durch kleine Eistrümer getrennt, welche sich auf den kurzen Wogen wiegten. Mit dem Reste der Mannschaft machte sich Tyson jetzt auf, um die Eskimo und Meyer zu erlösen und das Boot in Sicherheit zu bringen.

Nur zwei, welche zu taghaft waren, blieben zurück. Alle langten glücklich, ob schon völlig durchnässt, drüben an, aber der Gang über die schaukelnden Trümmer hatte ihre Kräfte erschöpft. Auf dem Rückwege geriet Meyer und ein Matrose unter das Eis. Erst darauf wäre er trunken, wenn nicht der umsichtige Josef, unter der Gefahr seinen eigenen Halt zu verlieren, ihn hervorgezogen hätte. Nachdem das Boot gelandet war, fischten die Eingeborenen dennoch treibenden Kajak auf.

Erst später am Nachmittag konnte man das Zelt errichten, als dann erbaute Josef eine neue Schneehütte. Die Nacht verfloß ruhig. Als man sich zur Ruhe begab, wurde eine Wache aufgestellt mit zweistündiger Ablösung. Am folgenden Morgen fühlte sich jeder neu gestärkt durch den erquicklichen Schlaf. Wieder begann es heftig zu wehen, doch der Himmel war klar und Meyer maß einige Sonnenhöhen, welche die Breite des Lagers in 55 Grad 51 Minuten versetzten. Wind und Seegang nahmen gegen Abend zu. Eine hohe Sturzfelle zertrömerte die Schneehütte und fegte Frau Hanne an den Rand der Scholle.

Josefs Behändigkeit und Geistesgegenwart retteten abermals ein Menschenleben. Das Boot wurde beständig in Bereitschaft gehalten, um flottgemacht zu werden, falls die Lage sich noch verschlimmern sollte. Auf der ganzen Scholle befand sich nirgends mehr ein trockener Fleck. Ungestüm rollten die Wogen über das trügerische Floß. Die Männer hielten sich an den Rändern der Schalupe fest, in welche man, um sie schwerer zu machen, die Frauen mit den Kindern gesetzt hatte. Erst nach Mitternacht wurde es ruhiger. Das Eis begann sich zu schließen, und die Leute schlugen das Zelt auf und warfen sich erschöpft in ihren nassen Kleidern auf das schlüpfrige, kalte Lager.

Günstiger verlief der folgende Tag, der 10. April. Der Himmel war gänzlich bezogen, es herrschte vollkommene Windstille, das Eis war festgepackt und hielt die Schiffbrückigen gefangen. Ähnlich war es am 11. und 12. Während des ersteren Tages brüteten dichte Nebel über der nächsten Umgebung. Da sich eine Krähe zeigte, sowie mehrere kleine Landvögel, schloss man, dass die Küste nicht mehr fern sei. Später kam ein Fuchs nach der Scholle, welcher sich den Bereich von Josefs Büchse geschickt zu entziehen verstand. Nirgends war jetzt ein Seehund zu erblicken, und der Hunger meldete sich wieder so ungestümt wie zuvor.

Als es am 12. klar wurde, machte Meier eine Ortsbestimmung, welche die Breite auf 55 Grad 33 Minuten setzte. Demnach war die tägliche Geschwindigkeit der Scholle auf etwa 5 Meilen gesunken, und das Land, welches man zu sehen gehofft, zeigte sich nicht. Am 13. gegen 1 Uhr in der Fröhe wich das Eis auseinander. Allein eine Stunde später hatte es sich wieder geschlossen. Vergebens suchte der schweifende Blick nun nach offenen Stellen. Ringsum erhoben sich nur wüste Eistrümer, von dem roten Scheine eines blitzenden Nordlichts bestrahlt.

Um Mittag war die geografische Breite der Scholle um 12 Meilen geringer als tagszuvor. Ein kleiner Seehund tauchte ab und zu hinter einer Flade empor. Allein er blieb außer Schussnähe. Unter beständiger Aufregung und den Qualen nagenden Hungers verflossen langsam fünf Tage. Inzwischen hatte man wohl einige Robben gesehen, sich ihnen aber nicht zu nähern vermocht. Als am Nachmittag des 18. etwa eine halbe Meile vom Lager entfernt etwas offenes Wasser entstand,

ging Josef auf die Jagd und erlegte einen feisten Seehund. Etwas später zerstoben die dunklen Nebelbänke über dem Horizont im Südwesten. Im deutlichen Umrissen zeigte sich endlich das ersehnte Land. Allein die Aussichten dasselbe zu erreichen, waren ungünstiger als je. Wieder stellte sich eine Krähe ein, so wie kleinere Vögel, und hoch in den Lüften zog ein Entenschwarm vorüber.

Unheilverkündend erhoben sich am folgenden Morgen schwarze Sturmwolken, welche von Nordwesten aus sich drohend über den Himmel verbreiteten. Der rasch zunehmende Seegang verkündete das Narren des Windes, welcher als es zu dunklen begann mit Sturmesstärke wütete. Gegen neun Uhr tobte mit voller Wucht der Orkan und jagte zischende Sturzwellen über die Scholle,

die sich wie ein Kreisel drehte. Das Zelt wurde umgerissen, und Josef, der es zu halten versuchte, stürzte unter dem Schlag einer Woge zu Boden. Was die Wellen nicht entführt hatten, brachte man eilig in den Boote unter, in welchem die Weiber und Kinder wie zuvor Platz nehmen mussten. Unter allen Schreckensnächten gebührte dieser die Krone.

Furchtbarer denn je war die Empörung der Elemente. Heftiger als während der verheerenden Winterstürme raste der entfesselte Orkan, und höher als man sie je zuvor gesehen, wogte die See. Krampfhaft erfasste jeder das Boot, welches man in der Mitte der splitternden Scholle verankert hatte, um ihm mehr Festigkeit zu verleihen.

Trotz allem Kraftaufwand von Seiten der Leute wurde dasselbe durch jede Sturzfälle nach dem Rande des Eisstücks geschleudert. Oft nahe schon eine zweite, ehe man Zeit fand, es wieder zurückzuschieben. Jede folgende Woge schien wilder zu Toben als die ihr vorangegangene, und eine jede entführte ein Stück der Scholle, auf deren schlüpfriger Oberfläche der Fuß kaum mehr einen Halt zu finden vermochte. Die Arme der gepeinigten Männer erlamten, und doch durfte keiner es wagen, das Fahrzeug loszulassen.

Wer gewankt hätte, wäre unrettbar verloren gewesen. Mit Donnerlärm brandeten die Wogen um die Scholle, und schauerlich heulte der Sturm. Die unheimlichen Stimmen erstickten sogar den Kommandoruf, trotzdem der Raum, auf welchem die Mannschaft stand, erschreckend klein war und sich ständig verringerte. Mittlerweile war der Tag angebrochen, aber es wehrte noch mehrere Stunden, ehe Milderung eintrat.

Gegen 7 Uhr splitterte die Scholle unter dem Boote. Das kleinere Stück wurde von der Brandung entführt, welche zischend den Kiel des Fahrzeugs bedeckte und sich an den Körpern von vier Unglücklichen brach, die den Fußhalt verloren hatten und krampfhaft die Bootseite umklammerten. Halbschwebend mussten ihre Beine den Bewegungen der Wellen folgen, die sie ungestimmt bald nach dieser Richtung rissen, und die Scholle ging bald nach Jena, bis sie in einem günstigen Augenblick endlich erlöst werden konnten.

Auf der Scholle aber durfte man jetzt nicht länger verweilen. Die Gefahr, welche dem Boote in der stürmischen Flut drohte, war nicht größer als hier, auf dem trügerischen Eisstück, welches bei seiner Kleinheit sich unter der Last der Menschen kaum mehr über die Wasserfläche erhob. Als in der Nähe eine größere Scholle erschien, wurde auf gut Glück das Boot flott gemacht. Doch welcher über Bord fiel und einige starke Quetschwunden erhielt,

konnte erst nach wiederholten vergeblichen Versuchen wieder aufgefischt werden. Unendlich mühevoll war es, die Scholle zu erreichen. Sie zu ersteigen, noch schwieriger, da sie bald im Tal einer Welle schaukelte, bald gehoben, sich auf dem Kamm einer anderen wiegte. Unverdrossen folgten ihr die Männer mit dem Boote und bedienten mit ermüderten Armen die Ruder,

bis es endlich gelang, den Eisanker auszuwerfen. Aber noch hatten sie das gewagte Spiel nicht gewonnen, eine bange Stunde verfloß, ehe das Fahrzeug geborgen war. Als es Abend wurde, hatte der Sturm zwar nachgelassen, nicht aber das Wogen der Brandung, welches sich noch immer schäumend an der Scholle brach.

Alle waren durch Nest, niemand schlief. Fröstelnd und zähneklappernd verbrachten sie die Nacht. Freundlicher gestaltete sich der kommende Tag, denn während der frühen Morgenstunden hatte sich das Eis geschlossen. Abwechselnd versuchten die Leute nun in dem Boote zu schlafen, aber der Frost und der

nahende Hunger ließen sie die Ruhe, die sie suchten, nicht finden. Erst der sonnige Nachmittag schaffte etwas Linderung, die Kleidungsstücke wurden zum Trocknen ausgebreitet, ebenso das Zelt, welches man nicht aufschlagen konnte, da es hart gefroren war. Die Eingeborenen suchten nach Wild, doch alles Spähen erwies sich als umsonst.

Am 22. war die Witterung über alle Begriffe schlecht. Während der Nacht hatte es heftig geschneit, dann folgte Hagel und darauf ein erweichender Platzregen, welcher bis zum Nachmittag anhielt. Der ganze Mundvorrat bestand nur noch in zwölf kleinen Stücken Schiffszweback und diese waren weitlich von Seewasser durchtränkt.

Schon vor mehreren Tagen hatten sie den letzten Rest des Pemikans verzehrt und nun mussten sie wieder zu alten Lederfetzen und den Abfällen von einer der Robbenhäute greifen, um nicht hungerst zu sterben. Vor Erschöpfung konnte Meier sich kaum mehr aufrechthalten, einigen der anderen erging es nicht viel besser, er jedoch schien am meisten zu leiden.

Dreimal schon hatte Josef sich hinausgewagt über die schwankenden Eistrümer und jedes Mal war er mit leeren Händen zurückgekehrt. Von neuem Aufbrechend verirrte er sich im Nebel und fand nicht ohne Schwierigkeit seinen Weg zurück nach dem Boote. Als der Nebel sank, erstieg er einen zerstückelten Eisberg.

Da er nach den verschiedenen Täuschungen, die er erfahren kaum erwartete, ein Stück Wild zu finden, hatte er sein Gewehr zurückgelassen. Kaum drei Büchsen Schüsse von ihm entfernt, zeigte sich plötzlich ein Bär, welcher witternend den Kopf hob und als dann auf ihn zukam. Rasch, so rasch die unsichere Bahn es zulies, begab er sich nach dem Lager.

Der Bär, inzwischen nahe gekommen, machte Halt und eugte aufmerksam nach dem Häuflein Menschen auf der Scholle. Die Eingeborenen boten den anderen, sich platt aufs Eis niederzuwerfen und mit Kopf und Beinen die Bewegungen der Robbe nachzuahmen, um das Tier, welches sich vor dem Winde befand, womöglich zu täuschen.

Nun folgten Minuten der höchsten Spannung. Der Bär war misstrauisch geworden und hatte sich abgewandt. Durch aufgeworfene Eishöcker gedeckt schlichen Josef und Hans ihm näher. Das Wild kehrte zurück, machte ebenfalls Halt, setzte dann seinen Weg weiter fort und treute schnurstracks auf denjenigen der vermeintlichen Seehunde zu, welcher ihn am nächsten lag.

Hinter einem Hammock geduckt harten seiner die Jäger. Gleichzeitig fielen zwei Schüsse und das Tier wälzte sich in seinem Blute. Die Beute wurde von den halb verhungerten Menschen förmlich zerrissen, erst nachdem sie an dem rohen Fleische sich etwas gesättigt hatten, begannen sie das Wild zu zerlegen und einzelne seiner Teile zu braten.

Ende von Abschnitt 3

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