Chapter 4
Abschnitt 4 von 196 Tage auf treibender Eisscholle von Emil Bessels. Diese LibriVox-Aufnahme ist in der Public Domain. Aufgenommen von Abayi im August 2016. Trotz des Regens, der während der beiden folgenden Tage fiel, waren die Schiffbrüchigen aufgeräumt und guter Dinge.
Vielleicht mochten sie ahnen, dass die Herbstenschicksalsschläge überwunden seien. Zuweilen zeigte sich durch den Nebel in schwachen Umrissen das Land, doch immer nur auf kurze Zeit. Mitunter wicht das Eis auseinander, aber die schmalen Wasserstraßen verschwanden wieder ebenso rasch, wie sie entstanden waren. Am frühen Morgen des 25. wurde der Wind, welcher seither ohne Unterbrechung aus Nordosten geweht hatte, abermals zum Sturm. Strömende Regen und der Wolkenschlag hatten an der Verkleinerung der Scholle, deren Festigkeit rasch abnahm, gewaltig gearbeitet.
Ihre Ränder begannen zu knacken und zu bersten. Als gegen 5 Uhr die Dünung noch stärker wurde, als die kalten Sturzwellen abermals über ihr zusammenschlugen, musste man sich von Neuem dem Boote anvertrauen, welches durch ein Leck übel zugerichtet war. Die Schaluppe wurde notdürftig ausgebessert und flott gemacht. Allein wie zuvor hatte man sie auch diesmal überladen und die Leute waren genötigt, sich von ihren Mundvorräten zu trennen.
Schweren Herzens warfen sie das Bärenfleisch über Bord. Nachdem sie unter den größten Anstrengungen 8 Stunden gerudert hatten, versagten ihre Kräfte. Sie zogen das Boot auf eine größere Scholle und schlugen Lager. Spät am Abend erlegte Josef noch eine Robbe. Kurz nach 6 Uhr am kommenden Morgen wurde die Fahrt fortgesetzt, aber 2 Stunden später fanden sie sich abermals vom Eise eingeschlossen. Sie zogen sich daher auf eine Flarde zurück und stopften das Leck der Schaluppe.
Darauf begab sich die eine Hälfte der Mannschaft zur Ruhe, während die andere die durchnästen Kleider zum Trocknen ausbreitete. Der 27. war ein Sonntag. Während der Nacht hatte es zu Schneien begonnen, erst gegen Mittag wurde es klarer. Meier maß einige Höhen der Sonne, welche sich nur in undeutlichen Umrissen zeigte. Diese wenig verlässliche Bestimmung ergab 53 Grad 30 Minuten als nördliche Breite. Weit ab in südlicher Richtung erschienen dunkle Wasserstraßen.
Allein es war unmöglich sie zu erreichen, da man das Boot nicht über die Eistrümer zu ziehen vermochte. Gegen Abend verkündete die zunehmende Dünung abermals das Nahen eines Sturmes, welcher, als es zu dunkeln begann, mit voller Wucht aus Westen losbrach. Um Mitternacht war das Lager völlig überflutet. Wieder begann es zu Schneien und die Situation wurde überaus peinlich. Da auch diese Scholle in Trümmer ging, wurde mit dem ersten Morgengrauen das Boot wieder flott gemacht. Erst um 6 Uhr gelang es, eine andere Flarde zu erreichen.
Die Leute legten sich nieder, um jetzt endlich zu rasten, aber ihr Schlaf sollte nur von kurzer Dauer sein. Von der Wache geweckt verließen sie eilig das Zelt. Dicht bei der Scholle waren drei Eisberge zusammengestoßen. Einer derselben wurde gehoben und stürzte, als der Druck nachließ, mit donner Lärm zurück in die See, deren Oberfläche er mit Trümmern bedeckte, wovon mehrere ins Lager flogen und die Scholle zu Bersten drohten. Die Gefahr war groß und wurde dadurch noch erhöht, dass der Berg sein Gleichgewicht verlor, sich geräuschvoll überschlug und dann gerade auf die Scholle zutrieb, die kleineren Eistrümmer zermalmend, die ihn umringten.
Nur die schleunigste Flucht versprach Rettung. Rasch wurde das Boot bemannt und nach einer ausgedehnten Wache gerudert. Nach einiger Zeit verminderte sich der Seegang und Josef erlegte drei junge Klappmützen. Das Eis wich auseinander, die Wasserstraßen wurden breiter und die gequälten Menschen konnten ihre Fahrt fortsetzen. Aber dichte Nebel engten ihren Gesichtskreis auf weniger als eine Schiffslänge ein und sie mussten sich mit aller Vorsicht durch die verschlungenen Kanäle winden.
Langsam verfolgten sie einige Stunden ihren südlichen Kurs. Als der Nebel zerran erblickten sie in einer Entfernung von wenigen Meilen die Umrisse eines Dampfers. Alle Sorge war nun vergessen. Ihre Herzen schlugen höher und lauter Jubelruf erscholl. Ihre Freude aber war verfrüht.
Das Fahrzeug, welches zuvor auf sie zugesteuert war, änderte plötzlich seinen Kurs. Die Leute hissten ihre Flagge, sie lärmten und schrien und eröffneten ein Rottenfeuer. Ihre Rufe verhalten im Winde. Das Schiff wandte sich gänzlich von innen ab und lief dann aus Sicht. Doppelt bitter empfanden die Eisfahrer, welche sich ihrer Rettung so nahegeglaubt, diese Enttäuschung.
Missmutig zogen sie das Boot abermals auf eine Scholle und schlugen ihr Zelt auf. Alle waren ermüdet und abgespannt, doch der Groll den sie hegten und die Aufregung hielten sie wach. Noch lange wälzten sie sich schlaflos auf ihrem kalten Lager. Nur zuweilen verließen sie das Zelt und blickten erwartungsvoll nach der Richtung, in welche das Schiff so unverhofft erschienen und verschwunden war.
Erst spät in der Nacht behauptete die Natur ihre Rechte und ließ sie ihr Leid vergessen. Kurz vor dem Beginn der Schneeschmelze herrscht in den größeren Häfen der Insel Neufundland ein reges Treiben. Aus der Tatenlosigkeit des Winters tritt die seemännische Bevölkerung des Eilandes in ein geschäftiges Leben, denn nun wird die Ausrüstung jener Schiffe begonnen, welche zum Robben-Schlag bestimmt sind. Seit die Neufundländer den Wert dieses Gewerbes kennengelernt,
schwärmen ihre Segel alljährlich in der Nähe von Labradors Küste. Im Jahre 1807, als die ersten Anfänge gemacht wurden, belief sich die Zahl der Schiffe nur auf 30, 50 Jahre später dagegen nahezu auf 400. Damals hatte dieses blutige Handwerk seinen Höhepunkt erreicht. An dem mörderischen Vernichtungskriege waren nicht weniger als 13.600 Menschen beteiligt,
die während einer zweimonatigen Reise gegen 500.000 Robben erbeuteten, deren Wert sich zu jener Zeit auf die Rundesumme von 425.000 Pfund Sterling belief. Aber es währte nicht lange, bis der Unternehmungsgeist gedämpft wurde, denn durch den rücksichtslosen Betrieb der Jagd hatten die zuvor zahlreichen Robbenherden sich so gewaltig vermindert, dass der Gewinn der Räder ein überaus fraglicher wurde.
Als später die Trantiere wieder in größeren Mengen erschienen, entbrannte der erloschene Eifer der Neufundländer aufs Neue, und während die 19 Schiffbrüchigen in der Nähe der Küste Labradors treben, waren sie von mehr als 100 Schiffen umgeben, unter denen sich 20 stattliche Dampfer befanden. Auf einem geringen Umkreis waren nahezu 8.000 Menschen verteilt,
Menschen, welche denselben Unbilden der rauen Witterung ausgesetzt waren, wie die Eisfahrer, jedoch unter verschiedenen Verhältnissen. Wohl ist in günstigen Jahren der Gewinn des Robbenschlags ein ergiebiger, allein das Leben des Robbenschlagers ist, während er sein Gewerbe betreibt, wenig beneidenswert, reich mit Gefahren gewürzt, und sauer muss er sein Brot verdienen.
Wenn die frühen Märzorkane und die damit verbundenen Sturmfluten das Eis brechen, welches die Häfen von St. John's, Catalina, Harbor Grace und der übrigen Robbenschlagerstation entdeckt, lichten die Schiffe ihre Anker und stechen unverzüglich in See, denn nun setzen sich die Robben, um ihre Jungen zu werfen. Niemand weiß, woher sie kommen, niemand, wo sie sich während der letzten Monate vor ihrer Ankunft aufgehalten.
Plötzlich erscheinen sie. Aber nicht vereinzelt, nicht zu Hunderten. Nein, nach Tausenden muss man sie zählen, denn dicht gedrängt bedecken sie meilenweit das Eis. Gewohnheitsgemäß suchen die Muttertiere zu ihren Wurfplätzen große Felder aus, stark genug, um dem Sturm und dem Wogendrange zu widerstehen. Denn ob schon überwiegend ein Wassertier, geht die junge Robbe unfehlbar zugrunde,
wenn sie gezwungen wird, ihren Aufenthalt auf dem Trockenen vor der bestimmten Zeit gegen das Leben im Wasser zu vertauschen. Ein altes Erbübel von ihren Vorfahren, welche das Licht der Welt auf dem Lande erblickten und auch dort ihre Tage beschlossen. Diese Eigentümlichkeit der Tiere behält der Jäger stets im Auge. Es erfordert langjährige Übungen und einen scharfen Blick, um den Ort ausfindig zu machen, wo die Robben sich gesetzt haben. Es hängt lediglich von der Beschaffenheit des Eises ab,
ob die Tiere nahe an dessen Außenkante lagern oder weiter von ihr entfernt. Liegt vor der Hauptmasse des Paks eine ausgediente Fläche jüngeren Eises, so wird diese von den Schiffen durchbrochen, denn hinter ihr erwartet der Jäger, seine Beute zu treffen. Stößt er dagegen so gleich auf ältere Felder, so folgt er den Rändern, weil die Robben es lieben, halbinselartige Eiszungen aufzusuchen, von denen die Jungen später leicht nach dem Wasser gelangen können.
Von dem ersten Scheine der Morgendämmerung bis zur sinkenden Nacht steht in der Mastkorbe fortwährend eine Wache, welche, mit trefflichen Fernrohren versehen, aufmerksam das Eis untersucht. Trotz günstiger Anzeichen lässt sich zuweilen kaum eine Robbe blicken, und der Jäger verbringt den besten und größten Teil der Jahreszeit mit fruchtlosem Kreuzen. Nicht selten hängt die Ausgiebigkeit des Fangs sogar mehr von dem Zusammenwirken glücklicher Zufälle ab,
als von dem Urteil und Scharfblick des Schiffsführers. So kann im Laufe weniger Tage ein Fahrzeug eine volle Ladung schlagen, während ein anderes, welches nur wenige Meilen von diesem entfernt war, völlig leer ausgeht oder nur eine geringe Beute macht. Oft wird ein Schiff vom Eise besetzt, und die Mannschaft erblickt in der Ferne die Robbenherden, ohne sich ihnen nähern zu können, und muss es ruhig über sich ergehen lassen,
dass andere, denen das Glück günstiger ist, die Tiere erlegen. Bei stürmischer Witterung suchen die Fahrzeuge meist inmitten des Packeises Schutz, wo der Seegang minder heftig ist als vor dessen Kante. Dann ereignet es sich wohl, dass am nächsten Morgen, ohne dass abends eine Robbe sichtbar gewesen, die Schiffe von ihnen förmlich umlagert sind.
In solchen Fällen gilt es rasch und mit Umsicht zu handeln. Mit Ausnahme des Befehlshabers und einer geringen Besatzung greift nun ein jeder zu dem Robbenknüttel, einer festen Stange von etwa fünf Fuß Länge, welche an einem ihrer Enden einen schweren Doppelhammer trägt. Von wilder Mordlust erfüllt zerstreuen sich Hunderte von Menschen nach allen Richtungen über das Eis, um mit jedem Schlage ein armes, wehrloses Geschöpf zu vernichten.
Die Tiere, gewöhnlich so scheu, dass es eines gewiegten Jägers bedarf, sie zu schießen und einer noch erfahreneren Hand sie zu harponieren, haben plötzlich unter der Sorge um die Jungen ihre Furcht gänzlich abgelegt und lassen sich widerstandslos töten. Nur in Ausnahmefällen, wenn das Kleine zu Klagen beginnt, wobei es laute Ausstöße, welche dem Blöken eines Lammes oder dem Schreien eines Kindes gleichen,
verteidigt die Mutter ihre Brut mit wilder Verzweiflung. Sie beißt wütend um sich, sie kratzt und lässt es sogar nicht an vergeblichen Versuchen fehlen, den Jäger in die Flucht zu schlagen. Dieser jedoch kennt kein Erbarmen. Er wird nur von Gewinnsucht geleitet, welche ihn blind macht für die Leiden der armen Geschöpfe
und seinen Blicken die Schärfe des Fernrohrs verleiht, dass er die Beute selbst dann noch erspäht, wenn sie weit entfernt von ihm ist und sich nur als dunkler Punkt an dem eisigen Horizonte zeigt. Nicht ohne den tiefsten Abscheu zu empfinden, kann man dieser unweitmännischen Jagd zuschauen, welche diesen Namen kaum mehr verdient, denn sie ist niedriger als niedrigste Aasjägerei, in einem Maße ausgeführt, welches Grauen erregt.
Bis auf wenige Schritte nähert sich der Jäger dem Muttertiere, welches langsam das Haupterhebend ihn mit großen glanzvollen Augen wehmütig anschaut. Sein Blick ist zweifellos menschenähnlich. Wer diesen Ausdruck in dem Antlitz eines Menschen gewahrte, würde zurückschrecken vor der unendlichen tiefen Seelenqualen, die sich mit grausamer Deutlichkeit darin spiegelt.
Ihn jedoch rührt dieses Augenpaar nicht, von welchem die Sage meldet, dass es Tränen der Wehmut vergieße. Fester nur fasst er die Mordwaffe, erhebt sie alsdann zu wuchtigem Schlage und zerschmettert den Schädel seines Opfers. Dieses zuckt im grimmen Todeskampf oder sucht, wenn nur schlecht getroffen, mit ungelenkem Bewegungen sich durch die Flucht seinem Verfolger zu entziehen. Er aber wendet nur die Waffe, erhebt sie abermals und schlägt die scharfe Spitze des Hammers in den Rücken des gequälten Tieres.
Und es so zum Halt bringend erhält es einen zweiten Schlag auf den Schädel und einen dritten, bis dieser zertrümmert ist. In diesem Moment unter doppelten Schmerzen bringt die Mutter häufig ihr Junges zur Welt. Und das Tierchen, welches kaum die Luft geatmet, die es umgibt, kaum das Licht geschaut, dessen Strahl sich zitternd an den Eisbauten bricht, stirbt im Augenblick, da es ins Leben tritt, während das Pochen seines Herzens fast noch geleitet wird von den Schlägen des rasch erlamenden Mutterherzens.
Ein Fußtritt auf das noch weiche Haupt bereitet ihm gewöhnlich ein rasches Ende, nur selten bedient sich der Schlechter des Hammers, dessen Handhabung mehr Kraft und Zeit vergeudet als das Heben des Fußes. Nicht umsonst darf er sich Ermüdungen aussetzen, nicht nutzlos seine Zeit vergeuden, denn vielblutige Arbeit harrt seiner noch. So rasch er zum Schlage ausholen kann, so oft erlegt er eine Robbe, wenn er richtig geführt war. Und er steht nicht allein in diesem grausamen Vernichtungskriege, denn in derselben Weise wie er wüten seine zahlreichen Genossen.
Jeder einzelne kann im Laufe einer Minute drei bis fünf dieser Tiere erlegen, und die Anzahl der Minuten ist beträchtlich, in einer Stunde. Lang ist der Tag unter jenen Breiten, und ehe es dunkelt, nimmt das Morden kein Ende. Das Eis ist blutgetränkt wie ein Schlachtfeld, der Schnee meilenweit gerötet von den Fußtritten der Schläger, welche mit dem Anbruch der Nacht nach dem Schiffe zurückkehren,
dessen Führer, das Fernrohr in der Hand, dem grauenvollen Gemetzel in allen seinen Bewegungen folgte. Zu umfangreichen Haufen getürmt bedeckt die regungslose Beute die Umgebung. Diese aber ist eine trügerische. Ein leichter Wind kann das Eis in Gang bringen, eine hohe Flut die Felder zertrümmen, und dann sind tausende armer Geschöpfe zwecklos gemordet und verfallende Meere, dem sie entstammen.
Nur allzu häufig schlägt die Mannschaft eines Schiffes mehr Robben, als dieses zu fassen vermag. Um das Eigentumsrecht anderen Fahrzeugen gegenüber zu wahren, wird in solchen Fällen ein Wimpel mit des Schiffes Flaggennummer auf den Leichenhügel gepflanzt. Aber oft werden diese Zeichen vom Winde verweht, und ein anderes Schiff nimmt Besitz von den Tieren. Mitunter bemächtigen sich ihrer sogar die Bewohner der Küste.
So wurden von der Bevölkerung Bonavistas in der Nähe des Gebirges, welches den gleichen Namen trägt, im Frühling 1872 gegen 5000 Robben in Beschlag genommen, welche mit dem Eis ans Ufer treben. Des Abends noch hatte auf jedem Leichenhügel, und es waren ihrer 13, der übliche Wimpel geweht. In der Nacht wurden mehrere der Flaggen vom Winde entführt, und am folgenden Morgen eilten die Landbewohner hinaus, um die wertvolle Beute in Sicherheit zu bringen.
Einige Tage später zeigten sich weitere Robbenhaufen, welche bisher unter den Schollen begraben gewesen, doch die Tiere waren bereits in Feulnis übergegangen und infolgedessen unbrauchbar. Können die Robben-Schläger, wenn sie eine größere Anzahl von Tieren erlegt haben, unbehindert in deren Besitz gelangen, so schreiten sie bei Tagesanbruch sofort zum Streifen der Beute. Wieder eilt die Mannschaft aufs Eis, doch jetzt trägt ein jeder statt des Knüttels, nach Art unserer Fleischer,
ein Messer, nebst einem Stahle im Gürtel, und mit ungeschwächtem Eifer wird die Schlachtarbeit nun fortgesetzt. Die Tiere werden der Reihe nach auf den Rücken gelegt, darauf führt der Schlächter einen langen Schnitt vom Halse nach der Schwanzwurzel und einige weitere um den Kopf und die Extremitäten. Ein paar gemannte Bewegungen der Hand und des Messers trennen das Fell, nebst dem Fettpolster, welches diesem anhaftet, von der Unterseite des Körpers, der als dann umgedreht wird, um gleichfalls über den Rücken abgezogen zu werden.
Nachdem eine genügende Anzahl gestreift ist, schafft ein Teil der Mannschaft die Fälle an Bord. Etwa drei oder vier derselben, je nach der Körperkraft des Mannes, werden an einen Riemen gekoppelt und nach dem Schiffe geschleift, in dessen Räumen sie als dann verstaut werden, Fettseite auf Haarseite geschichtet, um das flüssig werdende Fett zwischen den Häuten zurückzuhalten. Ihre weitere Zubereitung erfolgt erst nach der Rückkehr der Fahrzeuge nach ihrem Bestimmungsorte, welcher gewöhnlich derselbe Hafen ist, den sie verließen.
Sobald das Schiff vor Anker liegt, beginnt das Löschen der Ladung. Ihre Haarseiten nach unten gekehrt, breitet man die Fälle nun auf kleinen Tischen aus, die an Oberflächen leicht geneigt sind. Zum Entfernen der Specklage bedient sich der Arbeiter einer langen Klinge, welche sich am besten mit einem türkischen Krummschwert vergleichen lässt. Den Speck mit der linken erfassend, trennt er diesen mit wenigen Schnitten von seiner Unterlage.
Ohne Anstrengung kann ein geübter Arbeiter im Laufe einer Stunde 35 bis 40 dieser Fälle reinigen, welche darauf mit Salz abwechselnd geschichtet werden, wodurch sie eine unvollkommende Gerbung erfahren. Nach drei bis vier Wochen ist diese so weit erfolgt, dass die Häute verschickt werden können. Behus der Traangewinnung wurde in früheren Zeiten der Speck über freien Feuern in großen Kesseln aus Eisen oder Kupfer ausgebrannt. Jetzt aber bedient man sich hierzu entweder des überhitzten Wasserdampfes oder der Sonnenwärme.
Durch die Anwendung des Ersterrennen erfolgt die Absonderung des flüssigen Fettes nicht nur bedeutend rascher als auf die alte Weise, sondern der gewonnene Tran ist außerdem besser, sein Geruch ist minder stark und er soll größere Leuchtkraft besitzen und weniger rusen. Der Speck junger Robben wird höher geschätzt als der alter Tiere, weil bei diesen die Rückstände der Bindegewebeteile beträchtlicher sind als bei jenen. Die Gehälter, welche die Führer von Robbenschlägern und deren Mannschaft erhalten, sind keine festen, sondern sie richten sich nach der Ausgiebigkeit des Fanges und den Marktpreisen der Beute.
Ein Drittel des Wertes der gesamten Ladung fällt auf die Mannschaft, der Rest dagegen gehört dem Räder, welcher dem Führer des Schiffes eine Prämie bezahlt, dessen Höhe von der Anzahl der Fälle abhängt. Auf diese Weise erhält der Eigentümer des Schiffes den größten Teil des Gewinns, denn er ist der einzige der Gesellschaft, den wirkliche pekuniäre Verluste bedrohen. Ihm liegt nicht nur die Ausrüstung des Schiffes ob, sondern auch dessen Verproviantierung.
Die Besatzung findet während der Dauer der Reise ihren Tisch stets gedeckt und verliert in Missjahren höchstens einen imaginären Arbeitslohn. Nicht selten schlägt ein Schiff im Laufe von 14 Tagen oder 3 Wochen eine volle Ladung und kann alsdann eine zweite Reise unternehmen, welche oft nicht minder ergiebig ist als die erste. Manche der Fahrzeuge gehen mitunter fast leer aus oder fallen dem Eise zum Opfer.
So verließ die Brig Confederate im Frühling 1871 die Rede von Harbour Grace und wurde alsdann von schweren Eisfeldern in die Bucht von Bonavista getränkt, wo selbst sie auf Grund geriet. Während 10 Tagen, so berichtete damals die Zeitung von St. John's, war die Lage des Eises eine so dichte, dass in dem ganzen Umkreise des Fahrzeuges sich nirgends die kleinste Waage zeigte. Nach Verlauf dieser Zeit begannen die Felder auseinanderzuweichen, aber wenige Stunden später war das Wasser wieder verschwunden,
die Schollen bedrängten das Schiff und schraubten sich unter dessen Kiel. Niemand ahnte ein Arg, bis die unteren Räume unter Wasser standen, welches so rasch stieg, dass die Besatzung genötigt war, nach dem nahen Ufer zu flüchten. Dieses ist einer der zahlreichen Unfälle, wie sie sich fast alljährlich ereignen und welchen die Dampfer in höherem Grade ausgesetzt zu sein scheinen als die Segelschiffe,
deren Bauart den Eisverhältnissen besser entspricht. Größere Verluste an Menschenleben gehören glücklicherweise zu den Seltenheiten, denn die Mannschaft eines beschädigten Fahrzeugs kann im Falle der Not gewöhnlich die Küste erreichen. Wenn nun in den ersten Tagen des März westliche Winde wehen, so setzt das Pack-Eis ausnahmslos seewerts und die Schiffe können nun leicht nach den festliegenden Feldern in die Nähe des Ufers genangen.
Tritt dann aber Windstille ein, so sinkt die Temperatur meist so tief, dass das Meer sich mit jungem Eise bedeckt, welches die Fahrzeuge festhält. Wenn sie nach längerer Gefangenschaft endlich frei werden, machen diese dann selten eine erfolgreiche Reise, denn mit der vorrückenden Jahreszeit verlassen die Robben das Eis und sind, ihrer zunehmenden Wachsamkeit wegen, schwer zu erbeuten.
Dadurch wird die Jagd zu einer edleren. Der Jäger findet kaum mehr Gelegenheit, von seinem mörderischen Knüttel Gebrauch zu machen und es ist die freie Kugel, welche das Ziel entweder erreicht oder fehlt. Das Schiff, welches sich von den Schiffbrüchigen so schnöde abgewandt hatte, war einer der Neufundländer Robbenschläger.
Als er am nächsten Tage abermals in Sicht lief, machten die Leute schleunigst ihr Boot flott und ruderten auf ihn zu. Nachdem sie länger als zwei Stunden erfolgreich gegen das Eis gekämpft hatten, schloss sich dieses und hielt sie besetzt. Ihr Boot lag wie festgeband, alle Anstrengungen dasselbe zu befreien, blieben erfolglos. Sie erklommen einen der größten Hamox in ihrer Umgebung,
histen die Flagge und gaben drei Salven ab, welche der Dampfer durch die gleiche Anzahl Böllerschüsse erwiderte. Er wendete und schien als dann auf sie zuzusteuern. Von Norden änderte er seinen Kurs nach Osten, von Osten nach Westen, darauf nach Südwesten, aber durch das Eis aufgehalten konnte er ihnen nicht nahe kommen. Nochmals feuerten sie drei Salven, doch keine Antwort erfolgte.
Bis zum späten Nachmittag blieb das Fahrzeug in ihrer Nähe, dann entquollen dichte Rauchwolken seinem Schlote und eine Stunde später war es außer Sicht. Unverwandten Auges starten die Schiffbrüchigen nach dem schwarzen Qualm, der sich am fernen Horizonte kräuselte. Ein leichter Westwind verwischte seine letzte Spur. In der entgegengesetzten Richtung, welche der Dampfer eingeschlagen hatte,
erschien etwas später ein zweites Schiff. Allein auch dieses brachte ihnen nicht die Erlösung, auf die sie gehofft. Als die Sonne sank, zeigte sich im Südwesten als verschwommene dunkle Silhouette das Land. Der Tag ging zu Ende und die schwer geprüften Menschen sahen sich um eine weitere Hoffnung betrogen. Allein sie gaben das Spiel noch nicht verloren.
Die Schiffbrüche waren zu spät, als sie sich auf den Boden geschlagen haben. Ehe sie sich niederlegten, wurde eine Wache ausgestellt, welche mit dem Speck der erlegten Seehunde mehrere Notfeuer unterhielt. Nur matt schimmerten diese Brände durch den dichten Nebel, der sich auf das Meer senkte. Allein sie wurden von dem wachsamen Auge eines Schiffsführers bemerkt,
welcher an der Eiskante kreuzte. Ein Unglück ahnend hielt er die Nacht überdicht bei den flackernden Lichtflecken und schrie die Flasche, erblickten die Eisfahrer in ihrer unmittelbaren Nähe einen Dampfer. Aus Furcht, dass auch dieses Schiff sich von ihnen abwenden würde, ruderte Hans in seinem Kajak auf dasselbe zu.
Allein das Fahrzeug dampfte ohne dies langsam nach ihrer Scholle. Als es in Sprechweite kam, feuerten die Leute einen Salut, hissten die Flagge und riefen freudig, Hurra! Drüben kletterte die Mannschaft alsbald in die Wanden und erwiderte den Gruß. Sie hatten zwei Boote ausgesetzt, um die Schiffbrüchigen aufzunehmen.
Aber diese machten ihre eigene Schaluppe flott, welche bisher sie so treu getragen hatte und strebten hastigen Ruderschlags dem Fahrzeuge entgegen. Dieses Schiff, die Tigerin, war gleichfalls ein neufundlender Robbenschläger aus Conception Bay, sein Befehlshaber, Captain Bartlett, ein biederer alter Seemann. Die Gefühle, welche die Herzen der Schiffbrüchigen durchströmten,
als sie das Verdeck des rettenden Fahrzeuges betraten, können wohlverstanden und nachempfunden, aber nicht geschildert werden. Während 196 langen Tagen war ihr Leben beständig bedroht gewesen. Und jetzt, jetzt waren sie endlich in Sicherheit. Als sie die Leute mit den Erlebnissen ihrer grauenvollen Fahrt bekanntmachten,
hörten diese fast ungläubig zu und waren geneigt, es für unmöglich zu halten, dass Wesen aus Fleisch und Blut solchen Gefahren getrotzt haben sollten. Die Erzählung der zerlumpten Menschen klang wie ein Märchen, wie ein schreckliches Märchen, aus dessen Einzelheiten in fast endloser Wiederholung Tod und Verderben sprachen. Selbst die abgehärteten Robbenschläger überlief ein leiser Schauder.
Sie priesen die Standhaftigkeit der Männer, bewunderten den Heldenmut der Frauen und bemitleideten die armen Kleinen, die in ihren jungen Jahren schon das Elend und die Schrecken eines Menschenlebens gesehen. Für alle wurde aufs Beste gesorgt. Der wacke Schiffer lud Tyson und Meyer ein, mit ihm seine Kajüte zu teilen,
während die Leute sich der Mannschaft, so wie der Frauen und Kinder, annahmen, welche vorläufig ein Unterkommen im Volksraum fanden. Da der Führer der Tigerin noch einige Wochen auf See zuzubringen gedachte, mussten die Geretteten ihre Ungeduld, das Land zu betreten, noch etwas zügeln. Als das Schiff sie aufnahm, befand es sich in der Nähe von Grady Harbor,
an der Küste Labradors, in 53 Grad 25 Minuten nördlicher Breite. Jetzt richtete es seinen Kurs nach Norden, um den flüchtigen Robbenherden zu folgen. Am nächsten Tage, am 1. Mai, liefen einige Dampfer in Sicht. Einer der Schiffer, welchen der Bidere Bartlett während der Nacht gesprochen hatte, kam an Bord der Tigerin und bald darauf war der größte Teil der Robbenschlägerflotte
mit den Schicksalen der Expedition bekannt. Mit der Ruhe, welche den erlittenen Strapazen folgte, machte sich bei den Leuten die Reaktion geltend. Jeder Mann, mit Ausnahme von Josef und Hans, war mehr oder weniger angegriffen. Bei einigen Dermatosen zeigten sich skorputische Symptome, fast alle litten an Rheumatismus.
Meier, dessen erfrorene Hände im Obendrein noch große Schmerzen verursachten, befand sich in einem bedenklichen Zustande. Während des Dritten stürmte es so heftig aus Nordwesten, dass die Tigerin das Packeis aufsuchte, um der wilden Dünung zu entfliehen. Gegen Abend wurde sie besetzt. Dann erfolgten die Pressungen so wuchtig, dass das Fahrzeug in allen Fugen krachte.
Allein es war von starkem Bau und hielt den ungestümmten Antrang aus, ohne Schaden zu leiden. Erst am Morgen des 5. wurde das Schiff wieder frei. Gleichzeitig signalisierten die Wachen einige Robbenherden, welche in einer Entfernung von 5 bis 6 Meilen auf den Eisfeldern lagerten. Sofort waren mehr als 100 Menschen bereit, die Jagd zu beginnen.
Über die schaukelnden Trümmer eilten sie auf die harmlosen Tiere zu. Nach Sonnenuntergang kehrte die Mannschaft zurück. Sie hatte zwischen 7 und 800 Seehunde erlegt, dieselben auf drei Hügel verteilt und mit der üblichen Flagge versehen, um am nächsten Morgen das Streifen zu beginnen.
Allein sie hatten dabei nicht auf die Bedürfnisse anderer Rücksicht genommen. Als sie bei Tagesanbruch an Ort und Stelle eilten, um die Beute heimzubringen, waren nur wenige der Robben übrig. Trotz der Flaggen hatten sie nur noch eine kleine Zeit, um die Beute anzunehmen.
Trotz der Flaggen hatte sich die Mannschaft eines anderen Fahrzeugs die erlegten Tiere angeeignet und sich in Nacht und Nebel davongemacht. Ein zurückgelassener Knüttel, dessen Stil den Namen eines anderen Schiffes trug, verriet die Missetäter, welche später vor Gericht gezogen werden sollten. Da inzwischen eine steife Brise aufgezogen war,
versuchte der Befehlshaber der Tigerin, das Eis zu durchbrechen, um die Beute neben den übrig gebliebenen Fällen an Bord zu nehmen, was ihm nach vielen vergeblichen Anläufen endlich gelang. Der Rest des Tages verging mit erfolglosem Suchen. Nirgends zeigte sich eine Robbe.
Der beste Teil der Jahreszeit war jedenfalls verflossen. Da am folgenden Tage die Aussichten sich nicht gebessert hatten und es außerdem wieder zu stürmen begann, beschloss der Schiffer, sich auf die Rückfahrt zu machen. Einer der Dampfkessel hatte schon vor mehreren Tagen zu lecken begonnen.
Dieser Schaden wurde jetzt so bedenklich, dass die Tigerin die Geschwindigkeit ihres Laufes um die Hälfte vermindern musste und später geboten die Verhältnisse, die Maschine gänzlich zum Stillstand zu bringen. Bei dem heftigen Seegang wurde dadurch die Fahrt zu einer überaus langsamen und die Schiffbrüchigen konnten ihre Ungeduld, das feste Land zu betreten, kaum zügeln.
Der zunehmende Sturm kam ihrem Verlangen zu Hilfe. Am 8. Mai ging das Fahrzeug in Bay Roberts vor Anker, um den Orkan austoben zu lassen. Damit waren alle Fährlichkeiten der Reise überstanden. Die Leute wurden von den Bewohnern des Kleines Ortes, wo Captain Bartlett zu Hause war, mit Jubel aufgenommen
und als der Dampfer Walros am folgenden Tage den Hafen von St. John's anlief, um seine Ladung zu löschen, machte dessen Führer den Konsul der Vereinigten Staaten mit den Schicksalen der Expedition bekannt. Noch an demselben Tage war in den Abendzeitungen der größeren Städte Nordamerikas das folgende Telegramm zu lesen, dessen fehlerhafte Abfassung
in der Eigentümlichkeit des Vorfalls eine schwache Entschuldigung finden dürfte. Diese Nachricht lautete St. John's, Neufundland, den 9. Mai 1873 An den Staatsminister Washington, D.C. Robbenschläger Walros soeben eingelaufen,
berichtet das Dampfer Tigerin 15 der Mannschaft und 5 Eskimo des Vereinigten Staaten Dampfers Polaris in der Nähe von Grady Harbor, Labrador am 30. April auf dem Eise fand und aufnahm. Captain Hall starb letzten Sommer. Tigerin stündlich erwartet. Wer der weitere Details mitteilen? F.N. Moe, Eloy, Konsul der Vereinigten Staaten.
Ob schon diesem Telegramm einige weitere folgten, so waren dieselben doch nicht im Stande, den ganzen Sachverhalt klar darzubringen und die Aufregung wuchs nachher von Stunde zu Stunde. Durch die Bemühungen des Marienministeriums, derjenigen Behörde, welcher die Expedition allein Rechenschaft schuldig war, wurden die verschiedenen Zweifel jedoch bald gelöst und der Nimbus beseitigt,
mit welchem die Presse bemüht gewesen, das Ereignis zu umgeben. Inzwischen hatten die Eisfahrer unter den wirtlichen Dächern der Neufundländer angenehme Tage verlebt. Um 8 Uhr am Morgen des 12. verließ die Tigerin den Hafen von Bay Roberts, dampfte, von dem herrlichsten Wetter begünstigt, um die gebirgige Landzunge, dessen nördlichsten Punkt das gefürchtete Cap St. Francis bildet,
und langte 12 Stunden später in St. John's an. Mehr als die halbe Einwohnerschaft der Hauptstadt war am Strande versammelt, denn jeder wollte die Leute sehen, welche die abenteuerliche Eisfahrt gemacht hatten. Nachdem die erste Aufwahlung der Neugierde befriedigt war, wurden die Matrosen, die Frauen und Kinder im Triumphzuge durch die engen Gassen nach ihrer Wohnung geführt,
welche der Konsul für sie ausersehen hatte. Nur Meyer und Tyson blieben an Bord zurück, um die Ankunft eines Schneiders zu erwarten. Ende von 196 Tage auf treibender Eisscholle von Emil Bessels. Danke fürs Zuhören. Vielen Dank für's Zuhören.