Chapter 66
Abschnitt 66 aus dem Märchenbuch der Wahrheit. Dies ist eine LibriVox Aufnahme. Alle LibriVox Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es auf LibriVox.org. Aus dem Märchenbuch der Wahrheit von Fritz Mautzner. Die gebärende Löwen. In Tuath schlugen sie das Lager auf. Cosma und ihre Jagdgenossen
aus London, Paris und Tieflis. Cosma und ihre Diener. Bis nach Tuath kamen die Löwen der Wüste um ein Zicklein zu holen zum Fraß für ihre Kleinen. In Tuath lag der schöne Weib auf Löwenfällen unter einem weißen Zelt. Draußen schlugen ihre Freunde und ihre Diener. Und draußen wachte auf seinen Knien der Älteste von Tuath. Auch Cosma wachte. Das wird wieder schön werden. Eine Löwenjagd. Cosma war die Tochter eines russischen Fürsten und einer Pariser Jüden. Zu
17 Jahren hatte sie einen sarmatischen Magnaten geheiratet und zum Bettler gemacht. Zu 20 wurde sie die Geliebte eines Königs. Er verdurrte in ihren Umarmungen und starb. Jetzt war sie 30 und die Frau eines alten und unerschöpflich reichen Amerikaners. Cosma konnte endlich das Leben genießen. Der Mann duldete alles. Kinder hatten sie nicht. Und Cosma hatte endlich entdeckt, dass eine Künstlerin in ihr lebte. Zumindest eine Lebenskünstlerin. Plass und schön lag sie auf
ihren Löwenfällen. Und wenn sie durstete, so schlürfte sie was ihr gefiel. Ob in Tuath oder in einem ihrer Paläste. Jeder Genuss war bereit für jeden müden Wing der fein nervigen Frau. In ihrem Gefolge war einer, der hatte nur die Blätter umzuwenden, wenn ihr virtuose sie zum Gesang begleiten durfte. In Tuath am Rande der Wüste. Cosma wachte und rief von ihren Freunden den Sternenkundigen. Den blassen edlen Mann aus dem Hag, dass er ihr die Schönheit dieses fremden
Himmels mit Namen benenne. Und der Sternenkundige aus dem Hag erfüllte ihren Willen. Sie träumte sich auf dem Sirius und spielte mit den braunen Haaren des verstummenden Jungen Gelehrten. Auch schlafen konnte Cosma. Dann wachte sie auf und Afrika huldigte ihr. Die Sonne glänzte hinter einem Wald von Dattelpalmen. Im Westen hoben sich vom Stahlgrauen Himmel ferne gelbe Hügel der Wüste. Ihre Nasenflügel witterten und sie sorgten Duft der Wüste und der Dattel blühten in sich ein.
Ihre Augen weiteten sich und sogen den Glanz der Welt in sich, ihn zu bewahren für dunkle Nächte. Und ihre kleinen Ohren zitterten und sogen die Stille der Wüste ein und von Zeit zu Zeit ein ganz fernes tonloses Rollen wie von verwehtem Gewitter. Da sprang der Älteste von Tuath auf und zwei Beduinen sprangen auf und wiesen mit den Fingern und streckten ihre braunen Arme aus nach den Hügeln des Westens. Dort war nichts zu sehen, kaum ein Punkt, Meilen weit. Einer der
Freunde aber richtete das Fernglas nach dem Punkt. Es war das kostbarste Fernrohr, das jemals aus einer Werkstatt hervorgegangen war. Die Sonne lag glänzend auf dem gelben Punkt. Der Freund Cosmas hatte das Fernrohr gerichtet und Cosma blickte hindurch. Nach wenigen Augenblicken winkte sie dem Gefolge. Sie wollte allein sein. Auf einem Absatz des fernsten Hügels stand eine gebärende Löwin durch das Glas zum Greifen nah. Und jetzt lag ein kleiner Löwe auf dem Moosbüschel links
von der ragenden Agave. Die Löwin blickte gar nicht nach dem kleinen Löwen hin. Immer noch stand sie da, die Vordertatzen zitternd, die Hinterpranken eingestemmt gegen den Felsen und von den Hinterpranken über den Rücken hinweg ging ein leises Zucken von unendlicher Lust und Kraft. Und mit Lust und Kraft hatte die Löwin den Hals emporgerichtet mit dem felsengleichen Löwenhaupt und blickte mit ihren höhnischen Katzenaugen triumphierend vor sich hin. Über die Wüste weg,
die ein Spielplatz sein wird und Gazellen bieten wird für die kleine Löwenkatze zwischen ihren Pranken. Triumphierend in den Himmel hinein, der das Löwenjunge nicht verletzen kann, nicht mit Adlern und nicht mit Blitzen, nicht mit Hagelschlosen, die es abschütteln wird wie Sandkörner. Und triumphierend mit den Katzenaugen in die Augen des schönen, blassen Weibes hinter dem Glase. Und leise zog die Löwin die eine Hinterpranke vor, bis sie das Löwenkind berührte. Dann ging es wieder durch
den ganzen Leib wie ein Schauen der Lust und die Löwin öffnete den Rachen und bleckte ihr Gebiss und stieß ein Gebrüll aus, schwanger von Lust und Kraft, von Liebe und Kampflust. Zweimal, dreimal, dann ließ sie sich nieder, sanft wie ein Hündlein und bot dem Jungen das Euter. Das kinderlose Weib stand auf mit schmerzenden Knien und ging in ihr Zelt und weinte die Löwin fellenass. Dann befahl sie den Aufbruch. Sie lachte darüber, dass man Löwenjagden schön fand. Zurück wollte sie nach
Europa, wo sie hingehörte. Denn mit all ihrem Künstertum schämte sie sich vor der Natur. Sie schämte sich wie ein Laster. Und sie verbrachte den Rest der Saison am Mittelmeer, in Monaco, am Spieltisch, wo sie sich nicht zu schämen brauchte vor der Natur. Ende von Abschnitt 66.