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Erster Teil, drittes Buch, Teil 2. Von Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dies ist eine LibriVox-Aufnahme. Alle LibriVox-Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es bei LibriVox.org.

Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Von Johann Wolfgang von Goethe. Erster Teil, drittes Buch, Teil 2. Schütz, der Landschaftmaler, fand sich vielleicht am besten in die Sache. Die Rheingegenden hatte er ganz in seiner Gewalt,

sowie den sonnigen Ton, der sie in der schönen Jahreszeit belebt. Er war nicht ganz ungewohnt, in einem größeren Maßstabe zu arbeiten. Und auch da ließ er es an Ausführung und Haltung nicht fehlen. Er lieferte sehr heitere Bilder. Trautmann rembrandtisierte einige Auferweckungswunder des Neuen Testaments

und zündete nebenher Dörfer und Mühlen an. Auch ihm war, wie ich aus den Aufrissen der Zimmer bemerken konnte, ein eigenes Kabinett zugeteilt worden. Hörth mahlte einige gute Eichen- und Buchenwälder. Seine Herden waren lobenswert.

Juncker, an die Nachahmung der ausführlichsten Niederländer gewöhnt, konnte sich am wenigsten in diesem Tapetenstil finden. Jedoch bequemte er sich, für gute Zahlung mit Blumen und Früchten manche Abteilung zu verzieren. Da ich alle diese Männer von meiner frühesten Jugend angekannt

und sie oft in ihren Werkstätten besucht hatte, auch der Graf mich gern um sich leiden mochte, so war ich bei den Aufgaben berat Schlagungen und Bestellungen, wie auch bei den Ablieferungen gegenwärtig, und nahm mir, zumal wenn Skizzen und Entwürfe eingereicht wurden,

meine Meinung zu eröffnen, gar wohl heraus. Ich hatte mir schon früher bei Gemälde Liebhabern, besonders aber auf Auktionen, denen ich fleißig beiwohnte, den Ruhm erworben, daß ich gleich zu sagen wisse, was irgendein historisches Bild vorstelle.

Es sei nun aus der biblischen oder der profanen Geschichte oder aus der Mythologie genommen. Und wenn ich auch den Sinn der allegorischen Bilder nicht immer traf, so war doch selten jemand gegenwärtig, der es besser verstand als ich. So hatte ich auch öfters die Künstler vermacht,

diesen oder jenen Gegenstand vorzustellen, und solcher Vorteile bediente ich mich gegenwärtig mit Lust und Liebe. Ich erinnere mich noch, daß ich einen umständlichen Aufsatz verfertigte, worin ich zwölf Bilder beschrieb, welche die Geschichte Josefs darstellen sollten. Einige davon wurden ausgeführt.

Nach diesen, für einen Knaben allerdings löblichen Verrichtungen, will ich auch einer kleinen Beschämung, die mir innerhalb dieses Künstlerkreises begegnete, Erwähnung tun. Ich war nämlich mit allen Bildern wohlbekannt, welche man nach und nach in jenes Zimmer gebracht hatte.

Meine jugendliche Neugierde ließ nichts ungesehen und ununtersucht. Einst fand ich hinter dem Ofen ein schwarzes Kästchen. Ich ermangelte nicht zu forschen, was darin verborgen sei, und ohne mich lange zu besinnen, zog ich den Schieber weg. Das darin enthaltene Gemälde war freilich von der Art,

die man den Augen nicht auszustellen pflegt. Und ob ich es gleich, also bald, wieder zuzuschieben Anstalt machte, so konnte ich doch nicht geschwind genug damit fertig werden. Der Graf trat herein und ertappte mich. Wer hat euch erlaubt, dieses Kästchen zu eröffnen,

sagte er mit seiner Königsleutnanz Mine. Ich hatte nicht viel darauf zu antworten, und er sprach sogleich die Strafe sehr ernsthaft aus. Ihr werdet in acht Tagen, sagte er, dieses Zimmer nicht betreten. Ich machte eine Verbeugung und ging hinaus.

Auch gehorchte ich diesem Gebot aufs Punktliste, so dass es dem guten Seekatz, der eben in dem Zimmer arbeitete, sehr verdrieslich war. Denn er hatte mich gern um sich, und ich trieb aus einer kleinen Tücke den Gehorsam so weit,

dass ich Seekatzen seinen Kaffee, den ich ihm gewöhnlich brachte, auf die Schwelle setzte. Da er denn von seiner Arbeit aufstehen und ihn holen mußte, welches er so übel empfand, dass er mir fast graam geworden wäre. Nun aber scheint es nötig, um ständlicher anzuzeigen

und begreiflich zu machen, wie ich mir in solchen Fällen in der französischen Sprache, die ich doch nicht gelernt, mit mehr oder weniger Bequemlichkeit durchgeholfen. Auch hier kam mir die angeborene Gabe zu statten, dass ich leicht den Schall und Klang einer Sprache,

ihre Bewegung, ihren Akzent, den Ton und was sonst von äußeren Eigentümlichkeiten fassen konnte. Aus dem Lateinischen waren mir viele Worte bekannt. Das Italienische vermittelte noch mehr, und so horschte ich in kurzer Zeit von Bedienten und Soldaten,

Schildwachen und Besuchen so viel heraus, dass ich mich, wo nicht ins Gespräch mischen, doch wenigstens einzelne Fragen und Antworten bestehen konnte. Aber dieses war alles nur wenig gegen den Vorteil, den mir das Theater brachte.

Von meinem Großvater hatte ich ein Freibildjett erhalten, dessen ich mich mit Wiederwillen meines Vaters unter dem Beistand meiner Mutter täglich bediente. Hier saß ich nun im Parterre vor einer fremden Bühne und passte umso mehr auf Bewegung, Mimischen und Redeausdruck,

als ich wenig oder nichts von dem verstand, was da oben gesprochen wurde, und also meine Unterhaltung nur vom Gebärdenspiel und Sprachton nehmen konnte. Von der Komödie verstand ich am wenigsten, weil sie geschwind gesprochen wurde

und sich auf Dinge des gemeinen Lebens bezog, deren Ausdrücke mir gar nicht bekannt waren. Die Tragödie kam seltener vor, und der gemessene Schritt, das taktartige, der Alexandriner, das allgemeine des Ausdrucks,

machten sie mir in jedem Sinne fastlicher. Es dauerte nicht lange, so nahm ich den Racin, den ich in meines Vaters Bibliothek antraf, zur Hand und deklamierte mir die Stücke nach theatralischer Art und Weise, wie sie das Organ meines Ohrs

und das ihm so genau verwandte Sprachorgan gefasst hatte, mit großer Lebhaftigkeit, ohne dass ich noch eine ganze Rede im Zusammenhang hätte verstehen können. Ja, ich larnte ganze Stellen auswendig und rezitierte sie wie ein eingelernter Sprachvogel,

welches mir umso leichter ward, als ich früher, die für ein Kind, meist unverständlichen biblischen Stellen auswendig gelernt und sie in dem Ton der protestantischen Prediger zu rezitieren mich gewöhnt hatte. Das versifizierte französische Lustspiel war damals sehr beliebt. Die Stücke von Destouch, Marivaux, La Chaussée kamen häufig vor

und ich erinnere mich noch deutlich mancher charakteristischen Figuren. Von den Molièrechen ist mir weniger im Sinn geblieben. Was am meisten Eindruck auf mich machte, war die Hyper Minestra von Lemmier, die als ein neues Stück mit Sorgfalt aufgeführt und wiederholt gegeben wurde. Höchst anmutig war der Eindruck, den der Devin du Village,

Rosset et Colas, Annette et Lubin, auf mich machten. Ich kann mir die bebänderten Buben und Mädchen und ihre Bewegungen nach jetzt zurückrufen. Es dauerte nicht lange, so regte sich der Wunsch bei mir, mich auf dem Theater selbst umzusehen, wozu sich mir so mancherlei Gelegenheit darbot. Denn da ich nicht immer die ganzen Stücke auszuhören Geduld hatte

und manche Zeit in den Korridors, auch wohl bei Gelinderer-Jahrszeit, vor der Türe mit anderen Kindern meines Alters allerlei Spiele trieb, so gesellte sich ein schöner, munterer Knabe zu uns, der zum Theater gehörte und den ich in manchen kleinen Rollen, obwohl nur beiläufig, gesehen hatte. Mit mir konnte er sich am besten verständigen, indem ich mein Französisch bei ihm geltend zu machen wusste.

Und er knüpfte sich umso mehr an mich, als kein Knabe seines Alters und seiner Nation beim Theater oder sonst in der Nähe war. Wir gingen auch außer der Theaterzeit zusammen, und selbst während der Vorstellungen ließ er mich selten in Ruhe. Er war ein allerliebster kleiner Aufschneider, schwätzte charmant und unaufhörlich und wusste so viel von seinen Abenteuern, Händeln und anderen Sonderbarkeiten zu erzählen, dass er mich außerordentlich unterhielt. Und ich von ihm, was Sprache und Mitteilung durch dieselbe betrifft, in vier Wochen mehr lernte, als man sich hätte vorstellen können,

sodass niemand wusste, wie ich auf einmal, gleichsam durch Inspiration zu der fremden Sprache gelangt war. Gleich in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft zog er mich mit sich aufs Theater und führte mich besonders in die Foyers, wo die Schauspieler und Schauspielerinnen in der Zwischenzeit sich aufhielten und sich an- und auskleideten. Das Lokal war weder günstig noch bequem, in dem man das Theater in einen Konzertsaal hineingezwenkt hatte, sodass für die Schauspieler hinter der Bühne keine besonderen Abteilungen stattfanden.

In einem ziemlich großen Nebenzimmer, das er dem zu Spielpartieren gedient hatte, waren nun beide Geschlechter meist beisammen und schienen sich so wenig untereinander selbst als vor uns Kindern zu scheuen, wenn es beim Anlegen oder Verändern der Kleidungsstücke nicht immer zum Anständigsten herging. Mir war dergleichen niemals vorgekommen, und doch fand ich es bald durch Gewohnheit, bei wiederholten Besuch, ganz natürlich. Es wehrte nicht lange, so entspann sich aber für mich ein eigenes und besonderes Interesse. Der Junge de Ronne, so will ich den Knaben nennen, mit dem ich mein Verhältnis immer fortsetzte, war außer seinen Aufschneidereien

ein Knabe von guten Sitten und rechtachtigem Betragen. Er machte mich mit seiner Schwester bekannt, die ein paar Jahre älter als wir und ein gar angenehmes Mädchen war, gut gewachsen von einer regelmäßigen Bildung, brauner Farbe, schwarzen Haaren und Augen. Ihr ganzes Betragen hatte etwas stilles, ja trauriges. Ich suchte ihr, auf alle Weise gefällig zu sein, allein ich konnte ihre Aufmerksamkeit nicht auf mich lenken. Junge Mädchen düngen sich gegen jüngere Knaben sehr weit vorgeschritten und nehmen, indem sie nach den Jünglingen hinschauen, ein tantenhaftes Betragen gegen den Knaben an, der ihnen seine erste Neigung zuwendet. Mit einem jüngeren Bruder hatte ich kein Verhältnis.

Manchmal, wenn die Mutter auf den Proben oder in Gesellschaft war, fanden wir uns in ihrer Wohnung zusammen, um zu spielen oder uns zu unterhalten. Ich ging niemals hin, ohne der Schönen eine Blume, eine Frucht oder sonst etwas zu überreichen, welches sie zwar jederzeit mit sehr guter Art annahm und auf das Höflichste dankte. Allein ich sah ihren traurigen Blick sich niemals erheitern und fand keine Spur, dass sie sonst auf mich geachtet hätte. Endlich glaubte ich ihr Geheimnis zu entdecken. Der Knabe zeigte mir hinter dem Bette seiner Mutter, das mit eleganten Seitenvorhängen aufgeputzt war, ein Pastellbild, das Portrait eines schönen Mannes und bemerkte zugleich mit schlauer Mine, das sei eigentlich nicht der Papa, aber ebenso gut wie der Papa.

Und indem er diesen Mann rühmte und nach seiner Art umständlich und prahlerisch manches erzählte, so glaubte ich herauszufinden, dass die Tochter wohl dem Vater, die beiden anderen Kinder, aber dem Hausfreund angehören mochten. Ich erklärte mir nun ihr trauriges Ansehen und hatte sie nur um Desto lieber. Die Neigung zu diesem Mädchen half mir die Schwindelien des Bruders übertragen, der nicht immer in seinen Grenzen blieb. Ich hatte oft die weitläufigen Erzählungen seiner Großtaten auszuhalten, wie er sich schon öfter geschlagen, ohne jedoch dem anderen schaden zu wollen. Es sei alles bloß der Ehre wegen geschehen. Stets habe er gewußt, seinen Widersacher zu entwaffnen und ihm alsdann verziehen. Ja, er verstehe sich aufs Legieren so gut, daß er einste selbst in große Verlegenheit geraten, als er den Degen seines Gegners auf einen hohen Baum geschleudert, so daß man ihn nicht leicht wiederhabhaft werden können.

Was mir meine Besucher auf dem Theater sehr erleichterte, war, daß mir mein Freibildjett als aus den Händen des Schuldheißen den Weg zu allen Plätzen eröffnete und also auch zu den Sitzen im Prozenium. Dieses war nach französischer Art sehr tief und an beiden Seiten mit Sitzen eingefasst, die durch eine niedrige Barriere beschränkt sich in mehreren Reihen hintereinander aufbauten, und zwar der Gestalt, daß die ersten Sitze nur wenig über die Bühne erhoben waren. Das Ganze galt für einen besonderen Ehrenplatz. Nur Offiziere bedienten sich gewöhnlich desselben, obgleich die Nähe der Schauspieler, ich will nicht sagen jede Illusion, sondern gewissermaßen jedes Gefallen aufhob. Sogar jenen Gebrauch oder Missbrauch, über den sich Voltaire so sehr beschwert, habe ich noch erlebt und mit Augen gesehen. Wenn bei sehr vollem Hause und etwa zur Zeit von durch Märchen angesehene Offiziere nach jenem Ehrenplatz strebten, der aber gewöhnlich schon besetzt war, so stellte man noch einige Reihen Bänke und Stühle ins Prozenium auf die Bühne selbst.

Und es blieb den Helden und Heldinnen nichts übrig, als in einem sehr mäßigen Raume zwischen den Uniformen und Orden ihre Geheimnisse zu enthüllen. Ich habe die Hyper-Minestra selbst unter solchen Umständen aufführen sehen. Ende von 1. Teil, 3. Buch, Teil 2.

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