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Erster Teil, Viertes Buch, Teil 2 von Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit. Dies ist eine LibriVox-Aufnahme. Alle LibriVox-Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es bei LibriVox.org. Aus meinem Leben – Dichtung und Wahrheit von Johann Wolfgang von Goethe.

Erster Teil, Viertes Buch, Teil 2. Eine besondere Liebhaberei meines Vaters machte uns Kindern viel Unbequemlichkeit. Es war nämlich die Seidenzucht von deren Vorteil, und wenn sie allgemeiner verbreitet wurde, er einen großen Begriff hatte. Einige Bekanntschaften in Hanau, wo man die Zucht der Würmer sehr sorgfältig betrieb, gaben ihm die nächste Veranlassung.

Von dort her wurden ihm zu rechter Zeit die Eier gesendet, und sobald die Maulbeerbäume genügsames Laub zeigten, ließ man sie ausschlüpfen und wachtete der kaum sichtbaren Geschöpfe mit großer Sorgfalt. In einem Mansartzimmer waren Tische und Gestelle mit Brettern aufgeschlagen, um ihnen mehr Raum und Unterhalt zu bereiten, denn sie wuchsen schnell und waren nach der letzten Haltung so heisshungrig,

dass man kaum Blätter genug herbeischaffen konnte, sie zu nähren. Ja, sie mußten Tag und Nacht gefüttert werden, weil eben alles darauf ankommt, daß sie der Nahrung ja nicht zu einer Zeit ermangeln, wo die große und wundersame Veränderung in ihnen vorgehen soll. War die Witterung günstig, so konnte man freilich dieses Geschäft als eine lustige Unterhaltung ansehen. Traht aber Kälte ein, daß die Maulbeerbäume litten, so machte es große Not.

Noch unangenehmer aber war es, wenn in der letzten Epoche Regen einfiel, denn diese Geschöpfe können die Feuchtigkeit gar nicht vertragen, und so mußten die benetzten Blätter sorgfältig abgewischt und getrocknet werden, welches denn doch nicht immer so genau geschehen konnte, und aus dieser oder vielleicht auch einer anderen Ursache kamen mancherlei Krankheiten unter die Herde,

wodurch die armen Kreaturen zu Tausenden hingerafft wurden. Die daraus entstehende Fäulnis erreckte einen wirklich pestartigen Geruch, und da man die Toten und Kranken wegschaffen und von den Gesunden absondern mußte, um nur einige zu retten, so war es in der Tat ein äußerst beschwerliches und widerliches Geschäft, das uns Kindern manche böse Stunde verursachte.

Nachdem wir nun eines Jahres die schönsten Frühlings- und Sommerwochen mit Wachtung der Seidenwürmer hingebracht, mußten wir dem Vater in einem anderen Geschäft beistehen, das obgleich einfacher und dennoch nicht weniger beschwerlich ward. Die Römischen Prospekte nämlich, welche in dem alten Hause in schwarze Stäbe oben und unten eingefasst, an den Wänden mehrere Jahre gehangen hatten, waren durch Licht, Staub und Rauch sehr vergilbt

und durch die Fliegen nicht wenig unscheinbar geworden. War nun eine solche Unreinlichkeit in dem neuen Hause nicht zulässig, so hatten diese Bilder für meinen Vater auch durch seine längere Entferntheit von den vorgestellten Gegenden an Wert gewonnen. Denn im Anfange dienen uns dergleichen Abbildungen, die erst kurz vorher empfangenen Eindrücke aufzufrischen und zu beleben. Sie scheinen uns gering gegen diese und meistens nur ein trauriges Surrogat.

Verlicht hingegen das Andenken der Urgestalten immer mehr und mehr, so treten die Nachbildungen unvermarkt an ihre Stelle. Sie werden uns so teuer als es jene waren, und was wir anfangs missgeachtet, erwirbt sich nunmehr unsere Schätzung und Neigung. So geht es mit allen Abbildungen, besonders auch mit Porträgen. Nicht leicht ist jemand mit dem Konterfei eines Gegenwärtigen zufrieden, und wie erwünscht ist uns jeder Schattenriss eines Abwesenden oder gar Abgeschiedenen.

Genug. In diesem Gefühl seiner bisherigen Verschwendung wollte mein Vater jene Kupferstiche so viel wie möglich wiederhergestellt wissen. Dass dieses Durchbleichen möglich sei, war bekannt, und diese bei großen Blättern immer bedenkliche Operation wurde unter ziemlich ungünstigen Lokalumständen vorgenommen. Denn die großen Bretter, worauf die angerauchten Kupfer befeuchtet und der Sonne ausgestellt wurden, standen vor Mansardfenstern in den Dachrinnen an das Dach gelehnt, und waren daher manchen Unfällen ausgesetzt. Dabei war die Hauptsache, dass das Papier niemals austrocknen durfte, sondern immer feucht gehalten werden musste. Diese Obliegenheit hatte ich und meine Schwester, wobei uns denn wegen der langen Weile und Ungeduld, wegen der Aufmerksamkeit, die uns keine Zerstreuung zuließ, ein sonst so sehr erwünschter Müsiggang zur höchsten Quar gereichte.

Die Sache ward gleichwohl durchgesetzt, und der Buchbinder, der jedes Blatt auf starkes Papier aufzog, tat sein Bestes, die hier und da durch unsere Fahrlässigkeit zerrissenen Ränder auszugleichen und herzustellen. Die sämtlichen Blätter wurden in einen Band zusammengefasst und waren für diesmal gerettet. Damit es uns Kindern aber ja nicht an dem Allerlei des Lebens und Larnens fehlen möchte, so musste sich gerade um diese Zeit ein englischer Sprachmeister melden, welcher sich anheischig machte, innerhalb vier Wochen einen jeden, der nicht ganz roh in Sprachen sei, die Englische zu lehren und ihn soweit zu bringen, dass er sich mit einigem Fleiß weiterhelfen könne. Er nahm ein mäßiges Honorar. Die Anzahl der Schüler in einer Stunde war ihm gleichgültig. Mein Vater entschloss sich auf der Stelle, den Versuch zu machen, und nahm mit mir und meiner Schwester bei dem expediten Meister Lektion.

Die Stunden wurden treulich gehalten, am Repetieren fehlte es auch nicht. Man ließ die vier Wochen über eher einige andere Übungen liegen. Der Lehrer schied von uns und wir von ihm mit Zufriedenheit. Da er sich länger in der Stadt aufhielt und viele Kunden fand, so kam er von Zeit zu Zeit nachzusehen und nachzuhelfen. Wir waren dankbar, dass wir unter die ersten gehörten, welche Zutrauen zu ihm gehabt und stolz, uns den Übrigen als Muster anführen zu können. In Gefolg von diesem hekte mein Vater eine neue Sorgfalt, dass auch das Englische hübsch in der Reihe der übrigen Sprachbeschäftigungen bliebe. Nun bekenne ich, dass es mir immer lästiger wurde, bald aus dieser, bald aus jener Grammatik oder Beispielsammlung, bald aus diesem oder jenem Autor den Anlass zu meinen Arbeiten zu nehmen und so meinen Anteil an den Gegenständen zugleich mit den Stunden zu verzetteln.

Ich kam daher auf den Gedanken, alles mit einmal abzutun, und erfand einen Roman von sechs bis sieben Geschwistern, die voneinander entfernt und in der Welt zerstreut, sich wechselseitig Nachricht von ihren Zuständen und Empfindungen mitteilen. Der älteste Bruder gibt in gutem Deutsch Bericht von allerlei Gegenständen und Ereignissen seiner Reise. Die Schwester in einem frauen, zimmerlichen Stil mit lauter Punkten und in kurzen Sätzen, ungefähr wie nachher Siegwacht geschrieben wurde, erwidert bald ihm, bald den anderen Geschwistern, was sie teils von häuslichen Verhältnissen, teils von Herzensangelegenheiten zu erzählen hat. Ein Bruder studiert Theologie und schreibt ein sehr formliches Latein, dem er manchmal ein griechisches Postskript hinzufügt.

Einem Folgenden in Hamburg als Handlungsdiener angestellt, ward natürlich die englische Korrespondenz zuteil, sowie einem Jüngern, der sich in Marseille aufhielt, die französische. Zum Italienischen fand sich ein Musikus auf seinem ersten Ausflug in die Welt, und der Jüngste eine Art von naseweißem Nestquakelchen hatte, da ihm die übrigen Sprachen abgeschnitten waren, sich aufs Judendeutsch gelegt und brachte durch seine schrecklichen Schiffen die übrigen in Verzweiflung und die Eltern über den guten Einfall zum Lachen. Für diese wunderliche Form suchte ich mir einigen Gehalt, indem ich die Geographie der Gegenden, wo meine Geschöpfe sich aufhielten, studierte, und zu jenen trockenen Lokalitäten allerlei Menschlichkeiten hinzu erfand, die mit dem Charakter der Personen und ihrer Beschäftigung einige Verwandtschaft hatten.

Auf diese Weise wurden meine Exerzitienbücher viel voluminöser. Der Vater war zufriedener, und ich ward eher gewahr, was mir an eigenem Vorrat und an Fertigkeiten abging. Wie nun dergleichen Dinge, wenn sie einmal im Gange sind, kein Ende und keine Grenzen haben, so ging es auch hier. Denn indem ich mir das barocke Judendeutsch zuzueignen und es ebenso gut zu schreiben suchte, als ich es lesen konnte, fand ich bald, daß mir die Kenntnis des Hebräischen fehlte, wovon sich das moderne, verdorbene und verzachte allein ableiten und mit einiger Sicherheit behandeln ließ. Ich eröffnete daher meinem Vater die Notwendigkeit, Hebräisch zu lernen, und betrieb sehr lebhaft seine Einwilligung.

Denn ich hatte noch einen Hörnszweck. Überall hörte ich sagen, daß zum Verständnis des Alten Testaments sowie des Neuen die Grundsprachen nötig wären. Das letzte las ich ganz bequem, weil die sogenannten Evangelien und Episteln, damit es ja auch sonntags nicht an Übung fehle, nach der Kirche rezitiert übersetzt und einigermaßen erklärt werden mußten. Ebenso dachte ich es nun auch mit dem Alten Testament zu halten, daß mir wegen seiner Eigentümlichkeit ganz besonders von jeher zugesagt hatte. Mein Vater, der nicht gern etwas halbtat, beschloss den Rektor unseres Gymnasiums, Dr. Albrecht, um Privatstunden zu ersuchen, die er mir wöchentlich so lange geben sollte, bis ich von einer so einfachen Sprache das Nötigste gefasst hätte. Denn er hoffte, sie werde, wo nicht so schnell, doch wenigstens in doppelter Zeit als die Englische, sich abtun lassen.

Der Rektor Albrecht war eine der originalsten Figuren von der Welt, klein, nicht dick, aber breit, unformlich, ohne verwachsen zu sein, kurz ein Aesop mit Korok und Perücke. Sein über 70-jähriges Gesicht war durchaus zu einem sarkastischen Lächeln verzogen, wobei seine Augen immer groß blieben und, obgleich rot, doch immer leuchtend und geistreich waren. Er wohnte in dem alten Kloster zu den Barfüßern, dem Sitz des Gymnasiums. Ich hatte schon als Kind meine Eltern begleitend ihn manchmal besucht und die langen, dunklen Gänge, die in Visitenzimmer verwandelten Kapellen, das unterbrochene Treppen- und winkelhafte Lokal mit schaurigem Behagen durchstrichen. Ohne mir unbequem zu sein, examinierte er mich, so oft er mich sah und lobte und ermunterte mich.

Eines Tages, bei der Translokation nach öffentlichem Examen, sah er mich als einen auswärtigen Zuschauer, während er die Silbernen, Premia, Virtutis et diligentiae, austeilte, nicht weit von seinem Katheder stehen. Ich mochte gar sehnlich nach dem Beutelchen blicken, aus welchem er die Schaumünzen hervorzog. Er winkte mir, trat eine Stufe herunter und reichte mir einen solchen Silberling. Meine Freude war groß, obgleich andere diese einem Nichtschulknaaben gewährte Gabe außer aller Ordnung fanden. Allein daran war dem guten Alten wenig gelegen, der überhaupt den Sonderling und zwar in einer auffallenden Weise spielte.

Er hatte als Schulmann einen sehr guten Ruf und verstand sein Handwerk, ob ihm gleich das Alter, solches auszuüben, nicht mehr ganz gestattete. Aber beinahe noch mehr als durch eigene Gebrechlichkeit führte er sich durch äußere Umstände gehindert. Und wie ich schon früher wusste, war er weder mit dem Konsistorium, noch den Schulaschen, noch den Geistlichen, noch auch den Lehrern zufrieden. Seinem Naturell, das sich zum Aufpassen auf Fehler und Mängel und zur Satire hinneigte, ließ er sowohl in Programmen als in öffentlichen Reden freien Lauf. Und wie Lucian fast der einzige Schriftsteller war, den er las und schätzte, so wuchzte er alles, was er sagte und schrieb, mit beizenden Ingredienzen.

Glücklicherweise für diejenigen, mit welchen er unzufrieden war, ging er niemals direkt zu Werke, sondern schraubte nur mit Bezügen, Anspielungen, klassischen Stellen und biblischen Sprüchen auf die Mängel hin, die er zurückgedachte. Dabei war sein mündlicher Vortrag, er las seine Reden jederzeit ab, unangenehm, unverständlich, und über alles dieses, manchmal durch einen Husten, öfters aber durch ein hohles, bauchschüttendes Lachen unterbrochen, womit er die beizenden Stellen anzukündigen und zu begleiten pflegte. Diesen seltsamen Mann fand ich mild und willig, als ich anfing, meine Stunden bei ihm zu nehmen. Ich ging nun täglich abends um 6 Uhr zu ihm und führte immer ein heimliches Behagen, wenn sich die Klingeltüre hinter mir schloss und ich nun den langen, düsteren Klostergang durchzuwandeln hatte.

Wir saßen in seiner Bibliothek an einem mit Wachstuch beschlagenen Tisch. Ein sehr durchlesener Lucian kam nie von seiner Seite. Ungeachtet alles Wohlwollens gelangte ich doch nicht ohne Einstand zur Sache, denn mein Lehrer konnte gewisse spöttische Anmerkungen und was es denn mit dem Hebräischen eigentlich solle nicht unterdrücken. Ich verschwieg ihm die Absicht auf das Judendolch und sprach von besserem Verständnis des Grundtextes. Darauf lächelte er und meinte, ich solle schon zufrieden sein, wenn ich nur lesen lernte. Dies verdross mich im Stillen und ich nahm alle meine Aufmerksamkeit zusammen, als es an die Buchstaben kam. Ich fand ein Alphabet, das ungefähr dem Griechischen zur Seite ging, dessen Gestalten fastlich, dessen Benennungen mir zum größten Teil nicht fremd waren.

Ich hatte dies alles sehr bald begriffen und behalten und dachte, es sollte nun ans Lesen gehen. Dass dieses von der rechten zur linken Seite geschehe, war mir wohl bewusst. Nun aber trat auf einmal ein neues Heer von kleinen Buchstäbchen und Zeichen hervor, von Punkten und Strichelchen aller Art, welche eigentlich die Vokale vorstellen sollten, worüber ich mich umso mehr verwunderte, als sich in den größeren Alphabete offenbar Vokale befanden und die übrigen nur unter fremden Benennungen verborgen zu sein schienen. Auch ward gelehrt, dass die jüdische Nation, solange sie geblüht, wirklich sich mit jenen ersten Zeichen begnügt und keine andere Art zu schreiben und zu lesen gekannt habe. Ich wäre nun gar zu garen auf diesem altertümlichen, wie mir schien, bequemeren Wege gegangen. Allein mein Alter erklärte etwas streng, man müsse nach der Grammatik verfahren, wie sie einmal beliebt und verfasst worden.

Das Lesen ohne diese Punkte und Striche sei eine sehr schwere Aufgabe und kann nur von Gelehrten und den Geübtesten geleistet werden. Ich musste mich also bequemen, auch diese kleinen Markzeichen kennenzulernen. Aber die Sache ward mir immer verwarner. Nun sollten einige der ersten größeren Uhrzeichen an ihrer Stelle gar nichts gelten, damit ihre kleinen Nachgeborenen doch ja nicht umsonst dastehen möchten. Dann sollten sie einmal wieder einen leisen Hauch, dann einen mehr oder weniger harten Kehlaut andeuten, bald gar nur als Stütze und Widerlage dienen. Zuletzt aber, wenn man sich alles wohlgemerkt zu haben glaubte, wurden einige der großen sowohl als der kleinen Personagen in den Ruhestand versetzt, sodass das Auge immer sehr viel und die Lippe sehr wenig zu tun hatte. Teil 2

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