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Erster Teil, fünftes Buch, Teil 1. Von Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dies ist eine LibriVox-Aufnahme. Alle LibriVox-Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es bei LibriVox.org.

Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Von Johann Wolfgang von Goethe. Erster Teil, fünftes Buch, Teil 1. Für alle Vögel gibt es Lockspeisen, und jeder Mensch wird auf seine eigene Art geleitet und verleitet.

Natur, Erziehung, Umgebung, Gewohnheit hielten mich von allem Ruh'n abgesondert, und ob ich gleich mit den unteren Volksklassen, besonders den Handwerkern, öfters in Berührung kam, so entstand doch daraus kein näheres Verhältnis.

Etwas Ungewöhnliches, vielleicht Gefährliches zu unternehmen, hatte ich zwar Verwegenheit genug und fühlte mich wohl manchmal dazu aufgelegt. Allein es mangelte mir die Handhabe, es anzugreifen und zu fassen. Indessen wurde ich auf eine völlig unerwartete Weise

in Verhältnisse verwickelt, die mich ganz nahe an große Gefahr und wenigstens für eine Zeit lang in Verlegenheit und Not brachten. Mein früheres gutes Verhältnis zu jenem Knaben, den ich oben, Pylades genannt, hatte sich bis ins Jünglingsalter fortgesetzt. Zwar sahen wir uns seltener,

weil unsere Eltern nicht zum Besten miteinander standen. Wo wir uns aber trafen, sprang immer sogleich der alte freundschaftliche Jubel hervor. Einst begegneten wir uns in den Alleehen, die zwischen dem Innern und Äußern sankt Gallenthor, und wir hatten uns kaum begrüßt, als er zu mir sagte,

es geht mir mit deinen Fasen noch immer wie sonst. Diejenigen, die du mir neulich mitteiltest, habe ich einigen lustigen Gesellen vorgelesen und keiner will glauben, dass du sie gemacht hast. Lass es gut sein, versetzte ich.

Wir wollen sie machen, uns daran ergötzen, und die anderen mögen davon denken und sagen, was sie wollen. Da kommt eben der Ungläubige, sagte mein Freund. Wir wollen nicht davon reden, war meine Antwort. Was hilft's, man bekehrt sie doch nicht.

Mit nichten, sagte der Freund, ich kann es ihm nicht so hingehen lassen. Nach einer kurzen, gleichgültigen Unterhaltung konnte es der für mich nur allzu wohlgesinnte Junge Gesell nicht lassen und sagte mit einiger Empfindlichkeit gegen jenen, hier ist nun der Freund, der die hübschen Fase gemacht hat

und die ihr ihm nicht zutrauen wollt. Er wird es gewiss nicht übelnehmen, versetzte jener, denn es ist ja eine Ehre, die wir ihm erweisen, wenn wir glauben, dass weit mehr Gelehrsamkeit dazu gehöre, solche Fase zu machen, als er bei seiner Jugend besitzen kann.

Ich erwiderte etwas Gleichgültiges, mein Freund aber fuhr fort. Es wird nicht viel Mühe kosten, euch zu überzeugen, gebt ihm irgendein Thema auf und er macht euch ein Gedicht aus dem Steg reif. Ich ließ es mir gefallen, wir wurden einig und der Dritte fragte mich, ob ich mich wohl getraue,

einen rechtachtigen Liebesbrief in Fasen aufzusetzen, den ein verschämtes, junges Mädchen an einen Jüngling schriebe, um ihre Neigung zu offenbaren. Nichts ist leichter als das, versetzte ich, wenn wir nur ein Schreibzeug hätten.

Jener brachte seinen Taschenkalender hervor, worin sich weiße Blätter in Menge befanden, und ich setzte mich auf eine Bank zu schreiben. Sie gingen indes auf und ab und ließen mich nicht aus den Augen. Zugleich faßte ich die Situation in den Sinn und dachte mir,

wie achtig es sein müsste, wenn irgendein hübsches Kind mir wirklich gewogen wäre und es mir in Posa oder in Fasen entdecken wollte. Ich begann daher ohne Anstand meine Erklärung und führte sie in einem zwischen dem Knittel, Fas und Madrigal schwebenden Silbenmaße mit möglichster Naivität in kurzer Zeit der Gestalt aus,

dass, als ich dies Gedichtchen den beiden vorlas, der Zweifler in Verwunderung und mein Freund in Entzücken versetzt wurde. Jenem konnte ich auf sein Verlangen das Gedicht umso weniger verweigern, als es in seinen Kalender geschrieben war, und ich das Dokument meiner Fähigkeiten gern in seinen Händen sah.

Er schied unter vielen Versicherungen von Bewunderung und Neigung und wünschte nichts mehr, als uns öfter zu begegnen, und wir machten aus, bald zusammen aufs Land zu gehen. Unsere Partie kam zustande, zu der sich noch mehrere junge Leute von jenem Schlage gesellten. Es waren Menschen aus dem Mittlorn, ja, wenn man will, aus dem Nidorn stande,

denen es an Kopf nicht fehlte, und die auch, weil sie durch die Schule gelaufen, manche Kenntnis und eine gewisse Bildung hatten. In einer großen, reichen Stadt gibt es vielerlei Arabzweige. Sie halfen sich durch, indem sie für die Advokaten schrieben, Kinder der geringeren Klasse durch Hausunterricht etwas weiterbrachten,

als es in Triviatschulen zu Geschehen pflegt. Mit Erwachsenern, Kindern, welche konfirmiert werden sollten, repetierten sie den Religionsunterricht, liefen dann wieder den Mäklern oder Kaufleuten einige Wege und taten sich abends, besonders aber an Sonn- und Feiertagen,

auf eine frugale Weise etwas zugute. Indem sie nun unterwegs meine Liebesepiste auf das Beste herausstrichen, gestanden sie mir, dass sie einen sehr lustigen Gebrauch davon gemacht hätten. Sie sei nämlich mit verstellter Hand abgeschrieben und mit einigen näheren Beziehungen einem eingebildeten jungen Manne zugeschoben worden,

der nun in der festen Überzeugung stehe, ein Frauenzimmer, dem er von Fahnen den Hof gemacht, sei in ihn aufs Äußerste verliebt und suche Gelegenheit, ihm näher bekannt zu werden. Sie vertrauten mir dabei, er wünsche nichts mehr, als ihr auch in Fahsen antworten zu können. Aber weder bei ihm noch bei ihnen finde ich Geschick dazu,

weshalb sie mich inständig beten, die gewünschte Antwort selbst zu verfassen. Mystifikationen sind und bleiben eine Unterhaltung für müßige, mehr oder weniger geistreiche Menschen. Eine lästliche Bosheit, eine selbstgefällige Schadenfreude sind ein Genuss für diejenigen, die sich weder mit sich selbst beschäftigen,

noch nach außen heilsam wirken können. Kein Alter ist ganz frei von einem solchen Kitzel. Wir hatten uns in unseren Knabenjahren einander oft angeführt. Viele Spiele beruhen auf solchen Mystifikationen und ertrappen. Der gegenwärtige Scherz schien mir nicht weiterzugehen.

Ich willigte ein. Sie teilten mir manches Besondere mit, was der Brief enthalten sollte, und wir brachten ihn schon fertig mit nach Hause. Kurze Zeit darauf wurde ich durch meinen Freund dringend eingeladen, an einem Abendfeste jener Gesellschaft teilzunehmen. Der Liebhaber wolle es diesmal ausstatten und verlange dabei ausdrücklich,

dem Freunde zu danken, der sich so vortrefflich als poetischer Sekretär erwiesen. Wir kamen spät genug zusammen. Die Mahlzeit war die Fugazde, der Wein trinkbar. Und was die Unterhaltung betraf, so drehte sie sich fast gänzlich um die Verhöhnung des gegenwärtigen, freilich nicht sehr aufgeweckten Menschen, der nach wiederholter Lesung des Briefes nicht weit davon war zu glauben,

er habe ihn selbst geschrieben. Meine natürliche Gutmütigkeit ließ mich an einer solchen boshaften Verstellung wenig Freude finden. Und die Wiederholung desselben Themas ekelte mich bald an. Gewiss, ich brachte einen verdrieslichen Abend hin, wenn nicht eine unerwartete Erscheinung mich wiederbelebt hätte.

Bei unserer Ankunft stand bereits der Tisch reinlich und ordentlich gedeckt, hinreichender Wein aufgestellt. Wir setzten uns und blieben allein, ohne Bedienung nötig zu haben. Als es aber doch zuletzt an Wein gebrach, rief einer nach der Markt. Allein statt derselben trat ein Mädchen herein von ungemeiner und, wenn man sie in ihrer Umgebung sah, von unglaublicher Schönheit.

Was verlangt ihr? sagte sie, nachdem sie auf eine freundliche Weise guten Abend geboten. Die Markt ist krank und zu bette, kann ich euch dienen? Es fehlt an Wein, sagte der eine. Wenn du uns ein paar Flaschen holtest, so wäre es sehr hübsch. Tu es, Gretchen, sagte der andere. Es ist ja nur ein Katzensprung.

Warum nicht? versetzte sie, nahm ein paar leere Flaschen vom Tisch und eilte fort. Ihre Gestalt war von der Rückseite fast noch zierlicher. Das Häubchen saß so nett auf dem kleinen Kopf, den ein schlanker Hals gar anmutig mit Nacken und Schultern verbannt. Alles an ihr schien auserlesen, und man konnte der ganzen Gestalt um so ruhiger folgen,

als die Aufmerksamkeit nicht mehr durch die stillen, treuen Augen und den lieblichen Mund allein angezogen und gefesselt wurde. Ich machte den Gesellen Vorwürfe, dass sie das Kind in der Nacht allein ausschickten. Sie lachten mich aus, und ich war bald getröstet, als sie schon wieder kam. Denn der Schenkwirt wohnte nur über die Straße.

Setze dich dafür auch zu uns, sagte der eine. Sie tat es, aber leider kam sie nicht neben mich. Sie trank ein Glas auf unsere Gesundheit und entfernte sich bald, indem sie uns riet, nicht gar lange beisammen zu bleiben und überhaupt nicht so laut zu werden, denn die Mutter wolle sich eben zu Bett legen.

Es war nicht ihre Mutter, sondern die unserer Worte. Die Gestalt dieses Mädchens verfolgte mich von dem Augenblick an auf allen Wegen und Stegen. Es war der erste bleibende Eindruck, den ein weibliches Wesen auf mich gemacht hatte. Und da ich einen Vorwand, sie im Hause zu sehen, weder finden konnte, noch suchen mochte, ging ich ihr zuliebe in die Kirche und hatte bald ausgespürt, wo sie saß.

Und so konnte ich während des langen protestantischen Gottesdienstes mich wohl satt an ihr sehen. Beim Herausgehen getraute ich mich nicht, sie anzureden, noch weniger sie zu begleiten, und war schon selig, wenn sie mich bemerkt und gegen einen Gruß genickt zu haben schien. Doch ich sollte das Glück, mich ihr zu nähern, nicht lange entbehren. Man hatte jenen Liebenden, dessen poetischer Sekretär ich geworden war, glauben gemacht,

der in seinem Namen geschriebene Brief sei wirklich an das Frauenzimmer abgegeben worden und zugleich seine Erwartung aufs Äußerste gespannt, dass nun bald eine Antwort darauf erfolgen müsse. Auch diese sollte ich schreiben, und die schalkische Gesellschaft ließ mich durch Pilates aufs inständigste ersuchen, allen meinen Witz aufzubieten und alle meine Kunst zu verwenden, dass dieses Stück recht zierlich und vollkommen werde.

In Hoffnung, meine Schöne wiederzusehen, machte ich mich sogleich ans Werk und dachte mir nun alles, was mir höchst wohlgefällig sein würde, wenn Gretchen es mir schriebe. Ich glaubte alles so aus ihrer Gestalt, ihrem Wesen, ihrer Art, ihrem Sinn herausgeschrieben zu haben, dass ich mich des Wunsches nicht enthalten konnte, es möchte wirklich so sein, und mich in Entzücken verlor, nur zu denken, dass etwas Ähnliches von ihr an mich könnte gerichtet werden.

So mystifizierte ich mich selbst, indem ich meinte, einen anderen zum Besten zu haben, und es sollte mir daraus noch manche Freude und manches Ungemach entspringen. Als ich abermals gemahnt wurde, war ich fertig, versprach zu kommen und fehlte nicht zur bestimmten Stunde. Es war nur einer von den jungen Leuten zu Hause. Gretchen saß am Fenster und spannte, die Mutter ging ab und zu.

Der junge Mensch verlangte, dass ich es ihm vorlesen sollte. Ich tat es und las nicht ohne Rührung, indem ich über das Blatt weg nach dem schönen Kind hinschielte. Und da ich eine gewisse Unruhe ihres Wesens, eine leichte Röte ihrer Wangen zu bemerken glaubte, drückte ich nur besser und lebhafter aus, was ich von ihr zu vernehmen wünschte. Der Vetter, der mich oft durch Lobeserhebungen unterbrochen hatte,

ersuchte mich zuletzt um einige Abänderungen. Sie betrafen einige Stellen, die freilich mehr auf Gretchens Zustand als auf den jenes Frauenzimmers passten, das von gutem Hause wohlhabend in der Stadt bekannt und angesehen war. Nachdem der junge Mann mir die gewünschten Änderungen artikuliert und ein Schreibzeug herbeigeholt hatte, sich aber wegen eines Geschäfts auf kurze Zeit beurlaubte, blieb ich auf der Wandbank

hinter dem großen Tisch sitzen und probierte die zu machenden Veränderungen auf der großen, fast den ganzen Tisch einnehmenden Schieferplatte mit einem Griffel, der stets im Fenster lag, weil man auf dieser Steinfläche oft rechnete, sich mancherlei notierte. Ja, die Gehenden und Kommenden sich sogar Notizen dadurch mitteilten. Ich hatte eine Zeitlang Verschiedenes geschrieben und wieder ausgelöscht, als ich ungeduldig ausrief, es will nicht gehen.

Desto besser, sagte das liebe Mädchen mit einem gesetzten Tone, ich wünschte, es ginge gar nicht, sie sollten sich mit solchen Händeln nicht befassen. Sie stand vom Spinnrocken auf und zu mir an den Tisch tretend, hielt sie mir mit viel Verstand und Freundlichkeit eine Strafpredigt. Die Sache scheint ein unschuldiger Scherz, es ist ein Scherz, aber nicht unschuldig. Ich habe schon mehrere Fälle erlebt, wo unsere jungen Leute wegen eines solchen Frevels in große Verlegenheit kamen.

Was soll ich aber tun? versetzte ich. Der Brief ist geschrieben und sie verlassen sich drauf, dass ich ihn umändern werde. Glauben Sie mir, versetzte sie und ändern ihn nicht um. Ja, nehmen Sie ihn zurück, stecken Sie ihn ein, gehen Sie fort und suchen die Sache, durch Ihren Freund ins Gleiche zu bringen. Ich will auch ein Wörtchen mit dreien reden, denn sehen Sie, so ein armes Mädchen, als ich bin, und abhängig von diesen Verwandten, die zwar nichts Böses tun, aber doch oft um der Lust und des Gewinns willen,

manches Vagehalt sie gefornehmen. Ich habe widerstanden und den ersten Brief nicht abgeschrieben, wie man von mir verlangte. Sie haben ihn mit verstellter Hand kopiert, und so mögen Sie auch, wenn es nicht anders ist, mit diesem tun. Und Sie, ein junger Mann aus gutem Hause, wohlhabend, unabhängig, warum wollen Sie sich zum Werkzeug in einer Sache gebrauchen lassen, aus der gewiss nichts Gutes und vielleicht manches Unangenehme für Sie entspringen kann? Ich war glücklich, Sie in einer Folge reden zu hören, denn sonst gab sie nur wenige Worte in das Gespräch.

Meine Neigung wuchs unglaublich. Ich war nicht Herr von mir selbst und erwiderte, ich bin so unabhängig nicht, als Sie glauben, und was hilft mir, wohlhabend zu sein, da mir das köstlichste fehlt, was ich wünschen dürfte? Sie hatte mein Konzept der poetischen Epistel vor sich hingezogen und las es halb laut, geheult und anmutig. Das ist recht hübsch, sagte sie, indem sie bei einer Art naiver Poente innehielt. Nur schade, dass es nicht zu einem besseren, zu einem wahren Gebrauch bestimmt ist.

Das wäre freilich sehr wünschenswert, rief ich aus. Wie glücklich müsste der sein, der von einem Mädchen, das er unendlich liebt, eine solche Versicherung ihrer Neigung erhielte. Es gehört freilich viel dazu, versetzte sie, und doch wird manches möglich. Zum Beispiel fuhre ich fort, wenn jemand, der sie kennt, schätzt, verehrt und anbetet, ihnen ein solches Blatt vorlegte und sie recht dringend, recht herzlich und freundlich bete, was würden sie tun? Ich schob ihr das Blatt näher hin, das sie schon wieder mir zugeschoben hatte.

Sie lächelte, besann sich einen Augenblick, nahm die Feder und unterschrieb. Ich kannte mich nicht vor entzücken, sprang auf und wollte sie umarmen. Nicht küssen, sagte sie, das ist so was Gemeines, aber lieben, wenn's möglich ist. Ich hatte das Blatt zu mir genommen und eingesteckt. Niemand soll es erhalten, sagte ich, und die Sache ist abgetan. Sie haben mich gerettet. Nun vollenden Sie die Rettung, rief sie aus und eilen fort,

ehe die anderen kommen und sie in Pein und Verlegenheit geraten. Ich konnte mich nicht von ihr losreißen, sie aber bat mich so freundlich, indem sie mit beiden Händen meine Rechte nahm und liebevoll drückte. Die Tränen waren mir nicht weit, ich glaubte, ihre Augen feucht zu sehen. Ich drückte mein Gesicht auf ihre Hände und eilte fort. In meinem Leben hatte ich mich nicht in einer solchen Verwirrung befunden.

Ende von 1. Teil 5. Buch, Teil 1

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