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2. Teil, 8. Buch, Teil 4. Von Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dies ist eine LibriVox-Aufnahme. Alle LibriVox-Aufnahmen sind lizenzfrei

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Von Johann Wolfgang von Goethe. 2. Teil, 8. Buch, Teil 4. Ebenso regelmäßig als in seinen Geschäften war er in Ausübung seiner Talente

und im Genoss seiner Vergnügungen. Er spielte den Flügel mit großer Fertigkeit, zeichnete mit Gefühl nach der Natur und regte mich an, das Gleiche zu tun. Da ich denn in seiner Art auf Graupapier

mit schwarzer und weißer Kreide gar manches weidigt der Pleyse und manchen lieblichen Winkel dieser stillen Wasser nachzubilden und dabei immer sehnsüchtig

meinen Grillen nachzuhängen pflegte. Er wusste mein mitunter komisches Wesen durch heitere Scherze zu erwidern und ich erinnere mich mancher vergnügten Stunde, die wir zusammen zu brachten.

Denn er mich mit scharfshafter Feierlichkeit zu einem Abendessen unter vier Augen einlud, wo wir mit eigenem Anstand bei angezündeten Wachslichtern einen sogenannten Ratshasen,

der ihm als Deputat seiner Stelle in die Küche gelaufen war, verzehrten und mit gar manchen Späßen in bärischens Manier das Essen zu würzen und den Geist des Weines zu erhöhen beliebten.

Daß dieser treffliche und noch jetzt in seinem ansehnlichen Amte immer fortwirksame Mann mir bei meinem zwar geahndeten, aber in seiner ganzen Größe nicht vor ausgesehenen Übel

den teulesten Beistand leistete, mir jede freie Stunde schenkte und durch Erinnerung an frühere Heiterkeiten den trüben Augenblick zu erhellen wusste, erkenne ich noch immer mit dem aufrichtigsten Dank

und freue mich, nach so langer Zeit ihn öffentlich abstatten zu können. Außer diesem werten Freunde nahm sich Gröning von Bremen besonders meiner an. Ich hatte erst kurz vorher seine Bekanntschaft gemacht

und sein Wohlwollen gegen mich wart ich erst bei dem Unfalle gewahr. Ich führte den Wert dieser Gunst um so lebhafter, als niemand leicht eine nähere Verbindung mit Leidenden sucht.

Er sparte nichts, um mich zu ergätzen, mich aus dem Nachsinnen über meinen Zustand herauszuziehen und mir Genesung und gesunde Tätigkeit in der nächsten Zeit vorzuzeigen und zu versprechen. Wie oft habe ich mich gefreut,

in dem Fortgange des Lebens zu hören, wie sich dieser vorzügliche Mann in den wichtigsten Geschäften seiner Vaterstadt nützlich und heilbringend erwiesen. Hier war es auch, wo Freund Horn

seine Liebe und Aufmerksamkeit ununterbrochen wirken ließ. Das ganze breitkopfische Haus, die stockische Familie, manche andere behandelten mich als einen nahen Verwandten. Und so wurde mir durch das Wohlwollen so vieler freundlicher Menschen

das Gefühl meines Zustandes auf das Zarteste gelindert. Umständlicher muss ich jedoch hier eines Mannes erwähnen, den ich erst in dieser Zeit kennenlernte und dessen lehrreicher Umgang mich über die traurige Lage, in der ich mich befand, der Gestalt verblendete,

dass ich sie wirklich vergaß. Es war langer, nachjähriger Bibliothekar in Wolfenbüttel. Vorzüglich gelehrt und unterrichtet freute er sich an meinem Heißhunger nach Kenntnissen, der sich nun bei der krankhaften Reizbarkeit

völlig fieberhaft äußerte. Er suchte mich durch deutliche Übersichten zu beruhigen, und ich bin seinem obwohl kurzen Umgange sehr viel schuldig geworden, indem er mich auf mancherlei Weise zu leiten verstand

und mich aufmerksam machte, wohin ich mich gerade gegenwärtig zu richten hätte. Ich fand mich diesem bedeutenden Manne umso mehr verpflichtet, als mein Umgang ihn einiger Gefahr aussetzte.

Denn als er nach Bärischen die Hofmeisterstelle bei dem jungen Grafen Lindenau erhielt, machte der Vater dem neuen Mentor ausdrücklich zur Bedingung, keinen Umgang mit mir zu pflegen.

Neugierig ein so gefährliches Subjekt kennenzulernen, wusste er mich mehrmals am dritten Ort zu sehen. Ich gewann bald seine Neigung, und er, klüger als Bärisch, holte mich bei Nachtszeit ab.

Wir gingen zusammen spazieren und taillierten uns von interessanten Dingen, und ich begleitete ihn endlich bis an die Türe seiner Geliebten. Denn auch dieser äußerlich streng scheinende,

ernste, wissenschaftliche Mann war nicht frei von den Netzen eines sehr liebenswürdigen Frauenzimmers geblieben. Die deutsche Literatur und mit ihr meine eigenen poetischen Unternehmungen

waren mir schon seit einiger Zeit fremd geworden, und ich wendete mich wieder, wie es bei einem solchen autodidaktischen Kreisgange zu erfolgen pflegt, gegen die geliebten Alten,

die noch immer wie ferne blaue Berge deutlich in ihren Umrissen und Massen, aber unkenntlich in ihren Teilen und inneren Beziehungen den Horizont meiner geistigen Wünsche begrenzten.

Ich machte einen Tausch mit Langer, wobei ich zugleich den Glaukus und Diomedes spielte. Ich überließ ihm ganze Karbe deutscher Dichter und Kritiker und erhielt dagegen eine Anzahl griechischer Autoren,

deren Benutzung mich selbst bei dem langsamsten Genesen erquicken sollte. Das Vertrauen, welches neue Freunde sich einander schenken, pflegt, sich stufenweise zu entwickeln.

Gemeinsame Beschäftigungen und Liebhabereien sind das Erste, worin sich eine wechselseitige Übereinstimmung hervortut. So dann pflegt die Mitteilung sich über vergangene und gegenwärtige Leidenschaften,

besonders über Liebesabenteuer zu erstrecken. Es ist aber noch ein Tieferes, das sich aufschließt, wenn das Verhältnis sich vollenden will. Es sind die religiösen Gesinnungen,

die Angelegenheiten des Herzens, die auf das unvergängliche Bezug haben und welche sowohl den Grund einer Freundschaft befestigen als ihren Gipfel zieren. Die christliche Religion

schwankte zwischen ihrem eigenen historisch positiven und einem reinen Deismus, der auf Sittlichkeit gegründet, wiederum die Moral begründen sollte. Die Verschiedenheit der Charaktere und Denkweisen

zeigte sich hier in unendlichen Abstufungen. Besonders da noch ein Hauptunterschied mit einwirkte, in dem die Frage entstand, wie viel Anteil die Vernunft, wie viel die Empfindung an solchen Überzeugungen

haben könne und dürfe. Die lebhaftesten und geistreichsten Männer erwiesen sich in diesem Falle als Schmetterlinge, welche ganz uneingedenk ihres Raupenstandes die Puppenhülle wegwerfen,

in der sie zu ihrer organischen Vollkommenheit gediehen sind. Andere, treuer und bescheidener gesinnt, konnte man den Blumen vergleichen, die, ob sie sich gleich zur schönsten Blüte entfalten, sich doch von der Wurzel, von dem Mutterstamme nicht losreißen,

ja vielmehr durch diesen Familienzusammenhang die gewünschte Frucht erst zur Reife bringen. Von dieser letzten Art war langer, denn ob gleich gelehrter und vorzüglicher Bücherkenner, so mochte er doch der Bibel vor anderen überlieferten Schriften

einen besonderen Vorzug gönnen und sie als ein Dokument ansehen, woraus wir allein unseren sittlichen und geistigen Stammbaum da tun könnten. Er gehörte unter diejenigen, denen ein unmittelbares Verhältnis zu dem großen Weltgott nicht in den Sinn will.

Ihm war daher eine Vermittlung notwendig, deren Analogen er überall in irdischen und himmlischen Dingen zu finden glaubte. Sein Vortrag, angenehm und konsequent, fand bei einem jungen Menschen leicht Gehör, der durch eine verdriesliche Krankheit von irdischen Dingen abgesondert

die Lebhaftigkeit seines Geistes gegen die himmlischen zu wenden höchst erwünscht fand. Bibelfest, wie ich war, kam es bloß auf den Glauben an, das, was ich menschlicherweise zeither geschätzt, nun mehr für göttlich zu erklären,

welches mir umso leichter fiel, da ich die erste Bekanntschaft mit diesem Buche als einem göttlichen gemacht hatte. Einem dürdenden, zart, ja schwächlich fühlenden war daher das Evangelium willkommen

und wenn auch langer bei seinem Glauben zugleich ein sehr verständiger Mann war und fest darauf hielt, daß man die Empfindung nicht solle vorherrschen, sich nicht zur Schwarmerei solle verleiten lassen, so hätte ich doch nicht recht gewußt,

mich ohne Gefühl und Enthusiasmus mit dem Neuen Testament zu beschäftigen. Mit solchen Unterhaltungen verbrachten wir manche Zeit und er g'wand mich als einen getreuen

und wohl vorbereiteten Proseleuten der Gestalt lieb, daß er manche seiner schönen, zugedachte Stunde mir aufzuopfern nicht anstand, ja sogar Gefahr lief, verraten und, wie bärig, von seinem Patron übel angesehen zu werden.

Ich erwiderte seine Neigung auf das Dankbarste und wenn dasjenige, was er für mich tat, zu jeder Zeit wäre schätzenswert gewesen, so mußte es mir in meiner gegenwärtigen Lage höchst verehrlich sein.

Da nun aber gewöhnlich, wenn unser Seelenkonzent am geistigsten gestimmt ist, die rohen, kreischenden Töne des Weltwesens am gewaltigsten und ungestümsten einfallen und der in geheim immer fortwaltende Kontrast

auf einmal hervortretend nur desto empfindlicher wirkt, so sollte ich auch nicht aus der peripatetischen Schule meines Langers entlassen werden, ohne vorher noch ein für Leipzig wenigstens seltsames Ereignis erlebt zu haben,

einen Tumult nämlich, den die Studierenden erregten, und zwar aus folgendem Anlasse, mit den Stadtsoldaten hatten sich junge Leute verun-einigt, es war nicht ohne Tätlichkeiten abgelaufen. Mehrere Studierende verbanden sich,

die zugefügten Beleidigungen zu rächen. Die Soldaten widerstanden hartnäckig und der Vorteil war nicht auf der Seite der sehr unzufriedenen akademischen Bürger. Nun ward erzählt, es hätten angesehene Personen

wegen tapferen Widerstands die Ob-Siegenden gelobt und belohnt, und hierdurch ward nun das jugendliche Ehr- und Rachgefühl mächtig aufgefordert. Man erzählte sich öffentlich, daß den nächsten Abend Fenster eingeworfen werden sollten,

und einige Freunde, welche mir die Nachricht brachten, daß es wirklich geschehe, mußten mich hinführen, da Jugend und Menge wohl immer durch Gefahr und Tumult angezogen wird. Es begann wirklich ein seltsames Schauspiel. Die übrigens freie Straße war an der einen Seite von Menschen besetzt,

welche ganz ruhig, ohne Lärm und Bewegung, abwarteten, was geschehen solle. Auf der leeren Bahn gingen etwa ein Dutzend junge Leute einzeln hin und wieder in anscheinender größter Gelassenheit. Sobald sie aber gegen das bezeichnete Haus kamen,

so warfen sie im Vorbeigehen Steine nach den Fenstern und dies zu wiederholten Malen hin und wiederkehrend, solange die Scheiben noch klirren wollten. Ebenso ruhig wie dieses vorging, verlief sich auch endlich alles und die Sache hatte keine weiteren Folgen.

Mit einem so gellenden Nachklange akademischer Großtaten fuhr ich im September 1768 von Leipzig ab, in dem bequemen Wagen eines Hauderas und in Gesellschaft einiger mir bekannten zuverlässigen Personen. In der Gegend von Auerstedt gedachte ich jenes früheren Unfalls,

aber ich konnte nicht ahnden, was viele Jahre nachher mich von dort her mit größerer Gefahr bedrohen wurde. Ebenso wenig als in Gotha, wo wir uns das Schloss zeigen ließen, ich in dem großen mit Stukaturbildern verzierten Saale denken durfte, daß mir an eben der Stelle so viel Genädiges und Liebes wiederfahren sollte.

Je mehr ich mich nun meiner Vaterstadt näherte, desto mehr rief ich mir bedenklicherweise zurück, in welchen Zuständen, Aussichten, Hoffnungen ich von Hause weggegangen, und es war ein sehr niederschlagendes Gefühl, daß ich nun mehr gleißsam als ein Schiffbrüschiger zurückkehrte.

Da ich mir jedoch nicht sonderlich viel vorzuwerfen hatte, so wußte ich mich ziemlich zu beruhigen, indessen war der Willkommen nicht ohne Bewegung. Die große Lebhaftigkeit meiner Natur, durch Krankheit gereizt und erhöht,

verursachte eine leidenschaftliche Szene. Ich mochte übler aussehen als ich selbst wußte, denn ich hatte lange keinen Spiegel zur Rat gezogen. Und wer wird sich denn nicht selbst gewohnt? Genug! Man kam still schweigend überein,

mancherlei Mitteilungen erst nach und nach zu bewirken, und vor allen Dingen sowohl körperlich als geistig einige Beruhigung eintreten zu lassen. Meine Schwester gesellte sich gleich zu mir, und wie vorläufig aus ihren Briefen,

so konnte ich nunmehr umständlicher und genauer die Verhältnisse und die Lage der Familie vernehmen. Mein Vater hatte nach meiner Abreise seine ganze didaktische Liebhaberei der Schwester zugewendet, und ihr bei einem völlig geschlossenen,

durch den Frieden gesicherten und selbst von Mietleuten, geräumten Hause fast alle Mittel abgeschnitten, sich auswärts einigermaßen umzutun und zu erholen. Das französische, italienische, englische mußte sie abwechselnd treiben und bearbeiten,

wobei er sie einen großen Teil des Tages sich an dem Klavier zu üben nötigte. Das Schreiben durfte auch nicht versäumt werden, und ich hatte, wurde schon früher gemerkt, daß er ihre Korrespondenz mit mir dirigierte

und seine Lehren durch ihre Feder mir hatte zukommen lassen. Meine Schwester war und blieb ein indefinibles Wesen, das sonderbarste Gemisch von Strenge und Weichheit, von Eigensinn und Nachgiebigkeit, welche Eigenschaften bald vereint,

bald durch Willen und Neigung vereinzelt wirkten. So hatte sie auf eine Weise, die mir fürchterlich erschien, ihre Harte gegen den Vater gewendet, dem sie nicht verziehe, daß er ihr diese drei Jahre lang so manche unschuldige Freude verhindert oder vergelgt und von dessen guten

und trefflichen Eigenschaften sie auch ganz und gar keine anerkennen wollte. Sie tat alles, was er befahl oder anordnete, aber auf die unlieblichste Weise von der Welt. Sie tat es in hergebrachter Ordnung,

aber auch nichts drüber und nichts drunter. Aus Liebe oder Gefälligkeit bequemte sie sich zu nichts, so daß dies eins der ersten Dinge war, die sich die Mutter in einem geheimen Gespräch mit mir beklagte. Da nun aber meine Schwester so liebebedürftig war

als irgendein menschliches Wesen, so wendete sie nun ihre Neigung ganz auf mich. Ihre Sorge für meine Pflege und Unterhaltung verschlang alle ihre Zeit, und ihre Gespielinnen, die von ihr beherrscht wurden,

ohne daß sie daran dachte, mußten gleichfalls allerlei aussinnen, um mir gefällig und trostreich zu sein. Sie war erfinderlich, mich zu erheitern und entwickelte sogar einige Keime von passenhaftem Humor,

den ich an ihr nie gekannt hatte, der ihr sehr gut ließ. Es entspann sich bald unter uns eine Kotteriesprache, wodurch wir vor allen Menschen reden konnten, ohne daß sie uns verstanden,

und sie bediente sich dieses Rotwälches öfters mit vieler Kekkeit in Gegenwacht der Eltern. Persönlich war mein Vater in ziemlicher Behaglichkeit. Er befand sich wohl, brachte einen großen Teil des Tags mit dem Unterricht meiner Schwester zu,

schrieb an seiner Reisebeschreibung und stimmte seine Laute länger als er darauf spielte. Er verhehrte dabei, so gut er konnte, den Verdross anstatt eines röstigen, tätigen Sohns, der nun promovieren und jene vorgeschriebene Lebensbahn

durchlaufen sollte, einen Krankling zu finden, der noch mehr an der Seele als am Körper zu leiden schien. Er verbarg nicht seinen Wunsch, daß man sich mit der Kur expedieren möge, besonders aber mußte man sich mit hypochondrischen Äußerungen

in seiner Gegenwacht in Acht nehmen, weil er als dann heftig und bitter werden konnte. Ende von 2. Teil 8. Buch, Teil 4

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