Chapter 81
Dritter Teil, 13. Buch, Teil 5. Von Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Dies ist eine LibriVox-Aufnahme. Alle LibriVox-Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es bei LibriVox.org.
Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Von Johann Wolfgang von Goethe. Dritter Teil, 13. Buch, Teil 5. Es ist etwas so Unnatürliches, dass der Mensch sich von sich selbst losreiße, sich nicht allein beschädige, sondern vernichte,
dass er meistenteils zu mechanischen Mitteln greift, um seinen Vorsatz ins Werk zu richten. Wenn Ajax in sein Schwert fällt, so ist es die Last seines Körpers, die ihm den letzten Dienst erweiset. Wenn der Krieger seinen Schildträger verpflichtet, ihn nicht in die Hände der Feinde geraten zu lassen, so ist es auch eine äußere Kraft, deren er sich versichert. Nur eine moralische Stadt einer physischen.
Frauen suchen im Wasser die Kühlung ihres Verzweifelns, und das höchst mechanische Mittel des Schießgewehrs sichert eine schnelle Tat mit der geringsten Anstrengung. Des Erhängens erwähnt man nicht gern, weil es ein unedler Tod ist. In England kann es am ersten begegnen, weil man dort von Jugend auf
so manchen Hängen sieht, ohne dass die Strafe gerade entehrend ist. Durch Gift, durch Öffnung der Adern gedenkt man nur langsam vom Leben zu scheiden, und der raffinierteste, schnellste, schmerzenloseste Tod durch eine Natta war einer Königin würdig, die ihr Leben in Glanz und Lust zugebracht hatte. Alles dieses aber sind äußere Behelfe, sind Feinde, mit denen der Mensch
gegen sich selbst einen Bund schließt. Wenn ich nun alle diese Mittel überlegte und mich sonst in der Geschichte weiterumsah, so fand ich unter allen denen, die sich selbst entleibt, keinen, der diese Tat mit solcher Großheit und Freiheit des Geistes verrichtet, als Kaiser Otto. Dieser, zwar als Felter im Nachteil, aber doch keineswegs aufs Äußerste gebracht,
entschließt sich zum Besten des Reichs, das ihm gewissermaßen schon angehörte, und zur Schonung so vieler Tausende die Welt zu verlassen. Er begeht mit seinen Freunden ein heiteres Nachtmal, und man findet am anderen Morgen, dass er sich einen scharfen Dolch mit eigener Hand in das Herz gestoßen. Diese einzige Tat schien mir nachahmungswürdig, und ich überzeugte mich,
dass, wer nicht hierin handeln könne, wie Otto sich nicht erlauben dürfe, freiwillig aus der Welt zu gehen. Durch diese Überzeugung rettete ich mich nicht sowohl von dem Vorsatz als von der Grille des Selbstmordes, welche sich in jenen herrlichen Friedenszeiten bei einer müßigen Jugend eingeschlichen hatte. Unter einer ansehnlichen Waffensammlung besaß ich auch einen kostbaren, wohlgeschliffenen Dolch. Diesen legte ich mir jederzeit neben das Bette, und ehe ich das Licht auslöschte,
versuchte ich, ob es mir wohl gelingen möchte, die scharfe Spitze ein paar Zoll tief in die Brust zu senken. Da dieses aber niemals gelingen wollte, so lachte ich mich zuletzt selbst aus, warf alle hypochondrische Fratzen hinweg und beschloss zu leben. Um dies aber mit Heiterkeit tun zu können, musste ich eine dichterische Aufgabe zur Ausführung bringen, wo alles, was ich über diesen wichtigen Punkt empfunden, gedacht und gewähnt zur Sprache kommen sollte.
Ich versammelte hierzu die Elemente, die sich schon ein paar Jahre in mir herumtrieben. Ich vergegenwärtigte mir die Fälle, die mich am meisten gedrängt und geängstigt. Aber es wollte sich nichts gestalten. Es fehlte mir eine Begebenheit, eine Fabel, in welcher sie sich verkörpern könnten. Auf einmal erfahre ich die Nachricht von Jerusalemstode und unmittelbar nach dem allgemeinen Gerüchte, sogleich die genaueste und umständlichste Beschreibung des Vorgangs.
Und in diesem Augenblick war der Plan zu Wertern gefunden. Das Ganze schoss von allen Seiten zusammen und ward eine solide Masse wie das Wasser im Gefäß, das eben auf den Punkte des Gefrierens steht, durch die geringste Erschütterung sogleich in ein festes Eis verwandelt wird. Diesen seltsamen Gewinn festzuhalten, ein Werk von so bedeutendem und mannigfaltigem Inhalt mir zu vergegenwärtigen und in allen seinen Teilen auszuführen, war mir um so angelegener, als ich schon wieder in eine peinliche Lage geraten war,
die noch weniger Hoffnung ließ als die vorigen und nichts als Unmut, wo nicht verdross weiß sagte. Es ist immer ein Unglück, in neue Verhältnisse zu treten, in denen man nicht hergekommen ist. Wir werden oft wieder unseren Willen zu einer falschen Teilnahme gelockt, uns peinigt die Halbheit solcher Zustände, und doch sehen wir weder ein Mittel, sie zu ergänzen, noch ihnen zu entsagen. Frau von La Roche hatte ihre älteste Tochter nach Frankfurt verheiratet, kam oft sie zu besuchen
und konnte sich nicht recht in den Zustand finden, den sie doch selbst ausgewählt hatte. Anstatt sich darin behaglich zu fühlen oder zu irgendeiner Veränderung Anlass zu geben, erging sie sich in Klagen, sodass man wirklich denken musste, ihre Tochter sei unglücklich, ob man gleich, da ihr nichts abging und ihr Gemahl ihr nichts verwehrte, nicht wohl einsah, worin das Unglück eigentlich bestünde. Ich war indessen in dem Hause gut aufgenommen und kam mit dem ganzen Zirkel in Berührung,
der aus Personen bestand, die teils zur Heirat beigetragen hatten, teils derselben einen glücklichen Erfolg wünschten. Der Deschand von Sankt Leonhard Dumaits faste Vertrauen ja Freundschaft zu mir. Er war der erste katholische Geistliche, mit dem ich in nähere Berührung trat, und der, weil er ein sehr hellsehender Mann war, mir über den Glauben, die Gebräuche, die Äußern und inneren Verhältnisse der ältesten Kirche schöne und hinreichende Aufschlüsse gab.
Der Gestalt einer wohlgebildeten, obgleich nicht jungen Frau mit Namen Servia, erinnere ich mich noch genau. Ich kam mit der Alessina schweizerischen und anderen Familien gleichfalls in Berührung und mit den Söhnen in Verhältnisse, die sich lange freundschaftlich fortsetzten, und sah mich auf einmal in einem fremden Zirkel einheimisch, an dessen Beschäftigungen, Vergnügungen, selbst Religionsübungen, ich Anteil zu nehmen veranlasst, ja genötigt wurde.
Mein früheres Verhältnis zur jungen Frau, eigentlich ein geschwisterliches, ward nach der Heirat fortgesetzt. Meine Jahre sagten den Irrigen zu. Ich war der Einzige in dem ganzen Kreise, an dem sie noch einen Wiederklang jener geistigen Töne vernahm, als sie von Jugend auf gewöhnt war. Wir lebten in einem kindlichen Vertrauen zusammen fort, und ob sich gleich nichts Leidenschaftliches in unsern Umgang mischte, so war er doch peinigend genug,
weil sie sich auch in ihre neue Umgebung nicht zu finden wusste, und, obwohl mit Glücksgütern gesegnet, aus dem heiteren Tal Ehrenbreitstein und einer fröhlichen Jugend in ein düster gelegenes Handelshaus versetzt, sich schon als Mutter von einigen Stiefkindern benehmen sollte. In so viel neue Familienverhältnisse war ich ohne wirklichen Anteil, ohne Mitwirkung, eingeklemmt. War man miteinander zufrieden, so schien sich das von selbst zu verstehen.
Aber die meisten Teilnehmer wendeten sich in verdrieslichen Fällen an mich, die ich durch eine lebhafte Teilnahme mehr zu verschlimmern als zu verbessern pflegte. Es dauerte nicht lange, so wurde mir dieser Zustand ganz unerträglich. Aller Lebensverdross, der aus solchen Halbverhältnissen hervorzugehen pflegt, schien doppelt und dreifach auf mir zu lasten, und es bedurfte eines neuen, gewaltsamen Entschlusses, mich auch hiervon zu befreien.
Jerusalems Tod, der durch die unglückliche Neigung zu der Gattin eines Freundes verursacht ward, schüttelte mich aus dem Traum, und weil ich nicht bloß mit Beschaulichkeit das, was ihm und mir begegnet, betrachtete, sondern das Ähnliche, was mir im Augenblick selbst wie davor mich in leidenschaftliche Bewegung setzte, so konnte es nicht fehlen, dass ich jener Produktion, die ich eben unternahm, alle die Glut einhauchte, solche keine Unterscheidung zwischen dem Dichterischen und dem Wirklichen zulässt.
Ich hatte mich äußerlich völlig isoliert, ja die Besuche meiner Freunde verbeten, und so legte ich auch innerlich alles beiseite, was nicht unmittelbar hierher gehörte. Deswegen fasste ich alles zusammen, was einigen Bezug auf meinen Vorsatz hatte, und wiederhote mir mein nächstes Leben, von dessen Inhalt ich nach keinen dichterischen Gebrauch gemacht hatte. Unter solchen Umständen, nach so langen und vielen geheimen Vorbereitungen, schrieb ich den Werter in vier Wochen,
ohne dass ein Schema des Ganzen oder die Behandlung eines Teils, irgend vorher wäre zu Papier gebracht gewesen. Das nunmehr fertige Manuskript lag im Konzept mit wenigen Korrekturen und Abänderungen vor mir. Es ward sogleich geheftet, denn der Band dient der Schrift ungefähr wie der Rahmen einem Bilde. Man sieht viel eher, ob sie denn auch in sich wirklich bestehe. Da ich dieses Werklein ziemlich unbewusst einem Nachtwandler ähnlich geschrieben hatte,
so verwunderte ich mich selbst darüber, als ich es nun durchging, um daran etwas zu ändern und zu bessern. Doch in Erwartung, daß nach einiger Zeit, wenn ich es in gewisser Entfernung besehe, mir manches beigehren wurde, und was noch zu seinem Vorteil gereichen könnte, gab ich es meinen jüngeren Freunden zu lesen, auf die es eine desto größere Wirkung tat, als ich, gegen meine Gewohnheit vorher niemanden davon erzählt, noch meine Absicht entdeckt hatte.
Teillich war es hier abermals der Stoff, der eigentlich die Wirkung hervorbrachte, und so waren sie gerade in einer der meinen entgegengesetzten Stimmung. Denn ich hatte mich durch diese Komposition mehr als durch jede andere aus einem sturmischen Element gerettet, auf dem ich durch eigene und fremde Schuld, durch zufällige und gewährte Lebensweise, durch Vorsatz und Übereilung, durch Hartnäckigkeit und Nachgeben,
auf die gewaltsamste Art hin und wieder getrieben worden. Ich fühlte mich, wie nach einer Generalbeichte, wieder froh und frei und zu einem neuen Leben berechtigt. Das alte Hausmittel war mir diesmal vortrefflich zu statten gekommen. Wie ich mich nun aber dadurch erleichtert und aufgeklärt fühlte, die Wirklichkeit in Poesie verwandelt zu haben, so verwochten sich meine Freunde daran, indem sie glaubten, man müsse die Poesie in Wirklichkeit verwandeln,
einen solchen Roman nachspielen und sich allenfalls selbst erschießen. Und was hier im Anfang unter wenigen vorging, ereignete sich nachher im großen Publikum, und dieses Büchlein, was mir so viel genützt hatte, ward als höchst schädlich verrufen. Allen den Übeln jedoch und dem Unglück, das es hervorgebracht haben soll, wäre zufälligerweise beinahe vorgebeugt worden, als es bald nach seiner Entstehung Gefahr lief, vernichtet zu werden.
Und damit verhiert sich's also. Marc war seit Kurzem von Petersburg zurückgekommen. Ich hatte ihn, weil er immer beschäftigt war, nur wenig gesprochen, und ihm von diesem Wärter, der mir am Herzen lag, nur das Allgemeinste eröffnen können. Einst besuchte er mich, und als er nicht sehr gesprächig schien, bat ich ihn, mir zuzuhören.
Er setzte sich aufs Kanapé, und ich begann, Brief vor Brief, das Abenteuer vorzutragen. Nachdem ich eine Weile sofort gefahren hatte, ohne ihm ein Beifallszeichen abzulocken, griff ich mich noch pathetischer an, und wie ward mir zumute, als er mich, da ich eine Pause machte, mit einem, nun ja, es ist ganz hübsch, auf das schrecklichste Niederschlug, und sich, ohne etwas weiter hinzuzufügen, entfernte.
Ich war ganz außer mir, denn wie ich wohl Freude an meinen Sachen, aber in der ersten Zeit kein Urteil über sie hatte, so glaubte ich ganz sicher, ich habe mich im Sujet, im Ton, im Stil, die denn freilich alle bedenklich waren, vergriffen und etwas ganz Unzulässiges verfertigt. Wäre ein Kaminfeuer zur Hand gewesen, ich hätte das Werk so gleich hineingeworfen.
Aber ich ermannte mich wieder und verbrachte schmerzliche Tage, bis er mir endlich vertraute, dass er in jenem Moment sich in der schrecklichsten Lage befunden, in die ein Mensch geraten kann. Er habe deswegen nichts gesehen, noch gehört, und wisse gar nicht, wovon in meinem Manuskripte die Rede sei. Die Sache hatte sich indessen, insofern sie sich herstellen ließ, wiederhergestellt, und Mark war in den Zeiten seiner Energie der Mann, sich ins Ungeheure zu schicken.
Sein Humor fand sich wieder ein, nur war er noch bitterer geworden als vorher. Er schalt meinen Vorsatz, den Wärter umzuarbeiten, mit darben Ausdrücken, und verlangte ihn gedruckt zu sehen, wie er lag. Es ward ein sauberes Manuskript davon besorgt, das nicht lange in meinen Händen blieb, denn zufälligerweise an demselben Tage, an dem meine Schwester sich mit Georg Schlosser verheiratete
und das Haus von einer freudigen Festlichkeit bewegt glänzte, traf ein Brief von Weigant aus Leipzig ein, mich um ein Manuskript zu ersuchen. Ein solches Zusammentreffen hielt ich für ein günstiges Omen. Ich sendete den Wärter ab und war sehr zufrieden, als das Honorar, das ich dafür erhielt, nicht ganz durch die Schulden verschlungen wurde, die ich um des Götz von Bärlichingen willen zu machen,
genötigt gewesen. Die Wirkung dieses Büschleins war groß, ja ungeheuer und vorzüglich deshalb, weil es genau in die rechte Zeit traf. Denn wie es nur eines geringen Zündkrauts bedarf, um eine gewaltige Mine zu entschleudern, so war auch die Explosion, welche sich hierauf im Publikum ereignete, deshalb so mächtig,
weil die junge Welt sich schon selbst untergraben hatte, und die Erschütterung deswegen so groß, weil ein jeder mit seinen übertriebenen Forderungen und befriedigten Leidenschaften und eingebildeten Leiden zum Ausbruch kam. Man kann von dem Publikum nicht verlangen, dass es ein geistiges Werk geistig aufnehmen solle. Eigentlich ward nur der Inhalt, der Stoff beachtet, wie ich schon an meinen Freunden erfahren hatte,
und daneben trat das alte Vorurteil wieder ein, entspringend aus der Würde eines gedruckten Buchs, das es nämlich einen didaktischen Zweck haben müsse. Die wahre Darstellung aber hat keinen, sie billigt nicht, sie tadelt nicht, sondern sie entwickelt die Gesinnungen und Handlungen in ihrer Folge und dadurch erleuchtet und belehrt sie. Ende von 3. Teil, 13. Buch, Teil 5