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menu_book Chapter 3

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Abschnitt 3 von Aus Prager Gassen und Nächten. Dies ist eine LibriVox Aufnahme. Alle LibriVox Aufnahmen sind lizenzfrei und in öffentlichem Besitz. Weitere Informationen und Hinweise zur Beteiligung an diesem Projekt gibt es bei LibriVox.org. Aufgenommen von Klaus Mißfeldt. Aus Prager Gassen und Nächten von Egon Erwin Kiesch. Abschnitt 3 Verzerrungssteuer. Le Toit, s'il vous plaît.

Der städtische Verzerrungssteuerbeamte am Bahnhofsausgang in Paris spricht diesen höflichen Satz in höflichem Ton. Fast entschuldigend. So höflich, dass in dem Fremden gar nicht die Befürchtung wachgerufen wird, er werde jetzt Koffer und Collie öffnen und nach Nahrungsmitteln und Getränken durchsuchen lassen müssen. Den Fremden aber, der dennoch auf die Vermutung kommen würde, dass die höfliche Frage bitterbös gemeint sei, beruhigt der Bädiger vollkommen.

Die Kontrolle, die auf dem Bahnhof stattfindet, erledigt sich für die Fremden in der Regel durch die Erklärung, dass man nichts Steuerpflichtiges bei sich führe. Prag ist, wie hier ausdrücklich festgestellt sei, nicht Paris. In Prag darf der Fremde, wenn einen solchen vielleicht widrige Winde von der Route des internationalen Fremdenverkehrs in unsere gastliche Stadt verschlagen würden, den Bahnhof ungehindert verlassen. Die höfliche Vorstellung des

Oktoisbeamten bleibt dem Ankommenden erspart. Aber wenn er ahnungslos den Koffer in der Hand, dem Hotel zustrebt, muss er sich über den Mann entsetzen, der mit einer Hapune in der Rechten, in kriegerischer Uniform, an irgendeiner Wegkreuzung aus dem Hinterhalte auf ihn zuspringt und ihm in einer Weise Halt gebietet, die selbst den Marshal vorwärts zum Stehen gezwungen hätte. Und mit dem bloßen Schrecken kommt man nicht davon. Der Koffer muss geöffnet werden,

auch wenn der Reisende tausendmal beteuern würde, dass er den Kofferschlüssel nicht bei sich trage, da diesen seine Frau in ihrer Handtasche schon tagsvorher nach Prag genommen habe, auch wenn er zehntausendmal beeiden und durch Zeugen erhärten würde, dass der Koffer weder einen Apfel noch ein Konjakfläschchen, sondern bloß Wäsche und nichts als Wäsche enthalte. Der Prager Bädecker müsste bemerken, dass die Bediensteten der Verzehrungsteuer hier in ihrem

Pflichteifer vor keiner Mühe des Fremden zurückschrecken. Im Prager Bädecker könnte dem Reisenden empfohlen werden, sich auf empirischem Wege von dem Pflichteifer der Akt Ziese Bediensteten zu überzeugen. Zum Beispiel so. Man lege eine Zündhölzchenschachtel, die man vorher mit Spagat, Kreuz und Quer verbunden und hernach vierfach versiegelt hat, auf die offene Handfläche und versuche, sich aus der Parkstraße durch den gegenüber dem Staatsbahnhof gelegenen Eingang

in den Stadtpark zu begeben. Auf die forschende Frage des Akt Zies sagen erwidere man, man kenne den Inhalt der Schachtel nicht. Ein alter Onkel habe sie dem Überbringer mit dem strikten Auftrag an vertraut, sie erst nach seinem Tode zu öffnen. Der Verkehrsbedienstete wird unnachsichtlich den Schachtelträger entweder zu dem Akt Zies Gebäude an der Ecke der Bolzano Gasse oder zu jenem gegenüber dem neuen deutschen Theater weisen, wo sich das Frage- und Antwortspiel wiederholen und

nachher die verdächtige Schachtel geöffnet werden wird. Man weide sich so dann an dem Gesicht der Beamten beim Anblick der in der Schachtel befindlichen Zündhölzchen. Viel leichter ist es, ein lebendes Schwein an dem uniformierten Argus vorbei zu schaffen als eine Streichhölzchenschachtel. Das lehrt die Geschichte jener Wette, die vor etlichen Jahren in einem Gasthause in Deewitz geschlossen und damals viel besprochen worden ist. Ein Deewitzer Fleischhauer hatte mit

einem Gastwirte gewettet, dass er ohne Wagen mit einem großen lebenden Schwein die Torakt Ziese des Brusca Tores passieren werde. Der Fleischhauer erklärte das Schwein und 40 Kronen, der wird den Kaufpreis für das Schwein und zwei Hektoliter Bier als Einsatz. Der Fleischer stand auf und ging in seinen Laden. Hier packte er seinen großen Hund, band ihm das Maul zu und steckte ihn in einen mächtigen Sack. Dann ging er zum Brusca Tor. Auf die Frage des Verzehrungssteuer Bediensteten

erwiderte er, scheinbar ein Lachen verbeißend, er trage seinen Fleischerhund, der Anzeichen von Tollwutzeige zum Tierarzt. Der Torwächter schenkte dieser plumpen Ausrede kein Gehör und band den Sack auf. Im selben Augenblicke sprang der eingesackte Hund, der vielleicht auch die Befürchtung seines Herren verstanden hatte, aus dem Sack und jagte mit riesen Sätzen zurück den heimischen Fleischtöpfen zu. Sie sind daran schuld, das größte Unglück kann jetzt geschehen. Diese Worte

schrie der Fleischer dem Pflichttreuen Bediensteten, der vor dem Brusca Tor wie das bekannte Haustier vor dem neu gemalten Haustor stand. Er regt zu und rannte dem tollen Hunde nach. Zu Hause band der Fleischer seinem größten Schwein den Rüssel zu und steckte es in den Sack. Dann ging er in das Gasthaus, in dem die Zeugen der Wette versammelt waren. Er zeigte ihnen den Inhalt des Sackes, nahm diesen Huckepack auf den Rücken und forderte die Gesellschaft auf,

ihm unauffällig in beträchtlicher Distanz zu folgen. Beim Brusca Tor warf er dem noch immer bestürzten Akziesmann einen verachtungsvollen Blick zu und sprach kein Wort. Der wächte erst recht nicht. So ging der Fleischer ruhig über die Verzehrungssteuerlinie und am Abend wurde bei Schweinsbraten und bei zwei Hektolitern Bier das Schwein des Fleischhauers jubelnd erörtert. Nicht nur von Schwein, sondern auch von Pech wissen die Bewohner der Octoirhäuschen ein

trauriges Liedchen zu singen. War da einmal in Prag ein junger Schauspieler, heute wirkte er in Hamburg, dessen Spezialität die Darstellung von Paralytikern war. Der hatte einst den Entschluss gefasst, den Wächtern einen Schabernack zu spielen. Mit einem großen Paket unter dem Arm, in respektvoller Entfernung von einer eingeweihten Freundeschar gefolgt, versuchte er es sich an dem Verzehrungssteuercontroller unterhalb des Belvedere

vorbei zu schleichen. Dieser aber packte den ertappten Schmuggler und dieser begann sofort zu winseln und den Paralytiker zu spielen. Hab ich ein Pech, hab ich ein Pech, wiederholte er schluchzend und auf die Frage nach dem Inhalt seines Pakets hatte er keine andere Antwort. Bis es den Bediensteten zu bunt wurde, er den Deckel des Pakets aufhob und mit schnellem Griff in das Innere fuhr. Über und über mit Pech bedeckt war seine Hand, als er sie herauszog. Hab ich Ihnen nicht gesagt, dass ich

Pech hab, sagte der Paralytiker, der plötzlich wieder normal geworden war und lächelte infam und schadenfroh darüber, dass auch einmal ein anderer Pech gehabt hatte. Ein übler Streich, der in den Tagen des Hagenbeckschen Besuchs der Aktualität nicht entbehrt, wurde vor wenigen Jahren dem Manne gespielt, der am Ende des Wenzelsplatzes auf Nahrungsmittelschmuggler zu warten hat. An einem Winterabend gegen neun Uhr fuhr ein Möbelwagen aus der Stadt Weinberge gegen Prag. Auf Anruf des

Akzisbediensteten ließ der Kutscher die Pferde stoppen. Als aber der Mann seines Amtes walten wollte, trat ein Herr, der den Wagen begleitete, auf ihn zu und bat, dies möge unterlassen werden, da der Inhalt nicht ungeldpflichtig sei und eine Überraschung darstelle. Der Verzerrungssteuer war aber unerbittlich und nach längerem Hin und Her reden öffnete er selbst die Türe des Möbelwagens. In demselben Augenblick sprangen aus diesem Wölfe, Bären, Löwen, Tiger und Leoparden mit

ohrenbetäubenden Gebrüll heraus. Der biedere Wächter sprang entsetzt zurück und streckte seine einzige Waffe, den Bratspieß, mit dem er ansonsten friedlich unter die Sitze der Ekepagen und Straßenbahnwaggons, in die Rückenkörbe der Weiber und in die Heu- oder Kohlennladung der Lastwagen zu stochern pflegte, abwehrend von sich. Aber der Gebrauch der Waffe war nicht nötig, denn die Bestien kehrten nach kaum einer Minute wieder zurück. Es war eine Künstlergesellschaft,

die als Minagerie zu einem Maskenball nach Prag fuhr. Der Verzerrungssteuer bedienstete atmete hörbar auf. Auf verschiedene Weise wurden die Leute geprellt, denen die Aufgabe obliegt, für die Lebensmittelteuerung zu sorgen. Sie waren nicht nur Zielscheibe von Scherzen und Wetten, sondern auch von vielen Schmuggler-Tricks. Aber die gelungensten dieser Gauner-Streiche sind nicht bekannt, weil sie eben gelungen sind. Ende von Abschnitt 3.

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