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Teil 3 von Die Serapionsbrüder Diese LibriVox-Aufnahme ist in der Public Domain. Die Serapionsbrüder von E.T.A. Hoffmann Teil 3 Serapion und das Serapiontische Prinzip

Dir kommt heute der arme Serapion nicht aus Sinn und Gedanken. Ich merke dir's an, dass nun, da du nur von ihm erzählt hast, du freier im Geiste geworden. Schau her in dieses merkwürdige Buch, in diesen herrlichen Hauskalender, der Aufschluss gibt über alles.

Haben wir denn nicht heute den 14. November? War es nicht am 14. November, als du deinen einsiedlerischen Freund tot in seiner Hütte fandest? Und wenn du ihn auch nicht, wie Ottmar vorhin meinte, mithilfe zweier Löwen begrubst und ebenso wenig andere Wunder auf dich zutraten,

so wurdest du doch gewiß bei dem Anblick deines sanft entschlafenen Freundes bis ins Innerste getroffen. Der Eindruck blieb unauslöschlich, und wohl mag es sein, dass der innere Geist mittels einer geheimnisvollen,

dir selbst unbewussten Operation das Bild des verlorenen Freundes an seinem Todestage frischer gefärbt vorschiebt als sonst. Tu mir den Gefallen, Cyprianus, und füge Serabjons Tode noch einige wunderbare Erscheinungen hinzu,

damit dem zu einfachen Schluss der Begebenheit etwas abgeholfen werde. Als ich, sprach Cyprian, tief bewegt, ja erschüttert von dem Anblick des Toten aus der Hütte trat, sprang mir das zahme Reh, dessen ich früher gedachte, entgegen, helle Tränen perrelten in seinen Augen,

und die wilden Tauben umschwirrten mich mit ängstlichem Geschrei, mit banger Todesklage. Da ich aber zum Dorfe hinabstieg, um den Tod des Einsiedlers kundzutun, kamen mir die Bauern schon mit einer Totenbare entgegen.

Sie sagten, an dem Anziehen der Glocke zur ungewöhnlichen Stunde hätten sie gemerkt, dass der fromme Herr sich hingelegt zum Sterben, und wohl schon wirklich gestorben sei. Dies ist alles, lieber Lothar, was ich dir auftischen kann,

damit du deine Neckerei daran übst. — Was sprichst du? rief Lothar mit lauter Stimme, indem er sich vom Stuhle erhob. — Was sprichst du von Neckerei?

Was glaubst du von mir, o mein Cyprianus? Bin ich nicht ein ehrliches Gemüt, ein rechtschaffener Charakter, fern von Lug und Trug, eine treuherzige Seele? Schwärme ich nicht mit den Schwärmern,

phantasiere ich nicht mit den Fantasten, weine ich nicht mit den weinenden, jubiliere ich nicht mit den Jubelnden? Aber schaue her, o mein Cyprianus, schaue nochmals in dies herrliche Werk voll unumstößlicher Wahrheit,

in diesen sehr stattlichen Hauskalender. Bei dem 14. November findest du zwar den schnöden Namen Levin verzeichnet, aber werfe deinen Blick in diese katholische Kolonne. Da steht, mit roten Buchstaben, Serapion, Märtyrer.

Also an dem Tage des Heiligen, für den er sich selbst hielt, starb dein Serapion. Heute ist Serapions Tag. Auf, ich leere dieses Glas zum Gedächtnis des Einsiedlers Serapion, tut meine Freunde desgleichen.

Aus ganzer Seele, rief Cyprian, und die Gläser erklangen. Überhaupt, fuhr nun Lothar fort, bin ich jetzt, nachdem ich mich recht besonnen, oder vielmehr, nachdem ich Theodor mit dem krässlichen, widrigen Krespel recht in Harnisch gebracht hat,

mit Cyprians Serapion ganz ausgesöhnt. Noch mehr als das. Ich verehre Serapions Wahnsinn deshalb, weil nur der Geist des Vortrefflichsten, oder vielmehr des wahren Dichters von ihm ergriffen werden kann.

Ich will mich nicht darauf als auf etwas Altes, zum Überdruss Wiederholtes beziehen, das sonst den Dichter und den Seher dasselbe Wort bezeichnete. Aber gewiss ist es, dass man oft an der wirklichen Existenz der Dichter

ebenso sehr zweifeln möchte, als an der Existenz verzückter Seher, welche die Wunder eines höheren Reichs verkünden. Woher kommt es denn, dass so manches Dichterwerk,

das keineswegs schlecht zu nennen, wenn von Form und Ausarbeitung die Rede, doch so ganz wirkungslos bleibt wie ein verbleichtes Bild, dass wir nicht davon hingerissen werden, dass die Pracht der Worte nur dazu dient,

den inneren Frost, der uns durchgleitet, zu vermehren? Woher kommt es anders, als dass der Dichter nicht das wirklich schaute, wovon er spricht, dass die Tat, die Begebenheit,

vor seinen geistigen Augen sich darstellend mit aller Lust, mit allem Entsetzen, mit allem Jubel, mit allen Schaudern, ihn nicht begeisterte, entzündete, sodass nur die innere Flamme ausströmen durfte in feurigen Worten?

Vergebens ist das Mühen des Dichters, uns dahin zu bringen, dass wir daran glauben sollen, woran er selbst nicht glaubt, nicht glauben kann,

weil er es nicht erschaute. Was können die Gestalten eines solchen Dichters, der jenem alten Wort zufolge nicht auch wahrhafter Seher ist, anders sein als trügerische Puppen,

mühsam zusammengeleimt aus fremdartigen Stoffen? Dein Einsiedler, mein Cyprianus, war ein wahrhafter Dichter. Er hatte das wirklich geschaut, was er verkündete, und deshalb ergriff seine Rede Herz und Gemüt.

Armer Serapion, worin bestand dein Wahnsinn anders als das irgendein feindlicher Stern, die ihr die Erkenntnis der Duplizität geraubt hatte, von der eigentlich allein unser irdisches Sein bedingt ist?

Es gibt eine innere Welt, und die geistige Kraft, sie in voller Klarheit, in dem vollsten Glanze des regesten Lebens zu schauen, aber ist unser irdisches Erbteil, das eben die Außenwelt, in der wir eingeschachtet,

als der Hebel wirkt, der jene Kraft in Bewegung setzt. Die inneren Erscheinungen gehen auf in dem Kreise, den die Äußern um uns bilden, und den der Geist nur zu überfliegen vermag in dunklen, geheimnisvollen Ahnungen,

die sich nie zum deutlichen Bilder gestalten. Aber du, o mein Einsiedler, statuiertest keine Außenwelt. Du sahst den versteckten Hebel nicht, die auf dein inneres einwirkende Kraft,

und wenn du mit grauenhaftem Scharfsinn behauptetest, dass es nur der Geist sei, der sehe, höre, fühle, der Tat und Begebenheit fasse, und also auch sich wirklich das begebe, was er dafür erkenne,

so vergassest du, dass die Außenwelt den in den Körper gebannten Geist zu jenen Funktionen der Wahrnehmung zwingt nach Willkür. Dein Leben, lieber Anna Chorät, war ein steter Traum,

aus dem du in dem Jenseits gewiss nicht schmerzlich erwachtest. Auch dieses Glas sei noch deinem Gedächtnis dargebracht. »Findet ihr nicht,« sprach nun Othmar, »dass Lothar seine Mine ganz verändert hat?«

Dank sei es deinem wohlbereiteten Getränk, Theodor, das alles sauer-töpfische Wesen gänzlich niedergekämpft hat. »Schreibt nur nicht,« nahm Lothar wieder das Wort, »mein erheitertes Wesen lediglich dem begeisternden Inhalt jener Vase zu.

Ihr wisst ja, dass die bessere Stimmung mir kommen muss, ehe ich das Glas anrühre. Aber in der Tat, erst jetzt fühle ich mich wieder wohl und heimisch unter euch. Die seltsame Spannung,

in der ich mich, zugestanden sei es, erst befand, ist vorüber. Und da ich unserem Cyprian, den wahnsinnigen Serapion, verziehen, nicht allein, sondern diesen auch in der Tat liebgewonnen habe,

so mag auch dem Freund Theodor sein fataler Krespel hingehen. Aber nun habe ich noch mancherlei zu reden mit euch. Mich bedüngt es sei nun ausgemacht, dass, wie schon vorhin Theodor erwähnte, wir alle voneinander glauben,

es sei etwas an uns dran, und jeder es werthält, mit den anderen die alte Verbindung zu erneuern. Aber das Gewühl der großen Stadt, die Entfernung unserer Wohnungen, unser verschiedenartiges Geschäft wird uns auseinander treiben.

Bestimmen wir daher heute Tag, Stunde und Ort, wo wir uns wöchentlich zusammenfinden wollen. Noch mehr, es kann nicht fehlen, dass wir, einer dem anderen,

nach alter Weise manches poetische Produktlein, das wir unter dem Herzen getragen, mit teilen werden. Lasst uns nun dabei des Einsiedlers Serapion eingedenkt sein. Jeder prüfe wohl, ob er auch wirklich das geschaut, was er zu verkünden unternommen,

ehe er es wagt, laut damit zu werden. Wenigstens strebe jeder recht ernstlich danach, das Bild, das ihm im Inneren aufgegangen, recht zu fassen, mit allen seinen Gestalten, Farben, Lichtern und Schatten, und dann, wenn er sich recht entzündet davon fühlt,

die Darstellung ins äußere Leben zu tragen. So muss unser Verein auf tüchtige Grundpfeiler gestützt, dauern und für jeden von uns allen sich gar erquicklich gestalten. Der Einsiedler Serapion sei unser Schutzpatron,

er lasse seine Sehergabe über uns walten, seiner Regel wollen wir folgen als getreue Serapionsbrüder. — Ist denn, sprach Zyprian, ist denn unser Lothar nicht der verwunderlichste von allen verwunderlichen Menschen?

Erst ist er es allein, der gegen Ottmars ganz vernünftigen Vorschlag, uns wöchentlich an einem bestimmten Tage zusammenzufinden, wütet und tobt, der ohne Ursache in das Kapitel von Klubs und Ressourcen gerät,

sich über Gebühr ereifert, und nun ist er es wieder, der die verworfenen Zusammenkünfte nicht allein nötig und ersprieslich findet, sondern auch schon an die Tendenz unseres Vereins denkt und an seine Regel. — Mag es sein, erwiderte Lothar,

dass ich mich ärest gegen alles förmliche oder nur bestimmte unserer Zusammenkünfte auflehnte. Es geschah in missmütiger Stimmung, die vorübergegangen. Sollte denn bei uns poetischen Gemütern

und gemütlichen Poeten jemals eine Art Philistrismus einbrechen können? Einen gewissen Hang dazu tragen wir wohl in uns, streben wir nur wenigstens nach der sublimsten Sorte. Ein kleiner Beigeschmack davon ist zuweilen nicht ganz übel.

Schweigen wir aber über alles Verfängliche unseres Vereins, dass der Teufel schon von selbst hineintragen wird bei guter Gelegenheit, und sprechen wir von dem serapiontischen Prinzip. Was haltet ihr davon? Theodor Ottmar und Zyprian waren darin einig,

dass ohne alle weitere Abrede sich die literarische Tendenz von selbst bei ihren Zusammenkünften eingefunden haben würde und gaben sich das Wort, der Regel des Einsiedlers Serapion, wie sie Lothar sehr richtig angegeben, nachzuleben,

wie es nur in ihren Kräften stehe, welches dann, wie Theodor sehr richtig bemerkte, eben nichts weiter heißen wollte, als dass sie übereingekommen, sich durchaus niemals mit schlechtem Machwerk zu quälen.

In aller Fröhlichkeit stießen sie die Gläser zusammen und umarmten sich als getreue Serapionsbrüder. Ende von Serapion und das serapiontische Prinzip. Gelesen von Hokuspokus

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